Der gebürtige Leopoldstädter Max Steiner bereicherte mit seinen Kompositionen Filme wie Casablanca oder Vom Winde verweht. Seine Geburtsstadt hat den dreifachen Oscar-Preisträger dennoch fast vergessen.
Text: Ernst Schmiederer

Schon als Vierjähriger durfte er neben Johann Strauss am Klavier sitzen. Zum achten Geburtstag bekam er von dem ein Instrument aus dem Familienbesitz geschenkt, ein sogenanntes Giraffenklavier. Als besonderes Privileg aber empfand der junge Max Steiner den Umstand, dass er der einzige war, der im Garten von „Herrn Strauss Ribisl pflücken durfte“. Dass ihn auch sein Taufpate Richard Strauss musikalisch nachhaltig prägte und er Johannes Brahms und Gustav Mahler zu seinen Lehrern zählte, vervollständigt das Bild des jungen Genies.
Bekannt mit Mahler und Sinatra
Wenig überraschend also, dass sich auch später im Leben des Max Steiner immer wieder und zahlreich Prominente an seiner Seite fanden. Kein anderer Mensch auf dieser Erde, so hat sein Biograf festgestellt, dürfte sowohl mit Gustav Mahler und Frank Sinatra, mit Johann Strauss und Nat King Cole, mit Richard Strauß und W.C. Fields bekannt gewesen sein.
In Wien allerdings ist vom Werk und von der Prominenz Max Steiners nicht mehr viel zu bemerken – obwohl er hier in eine berühmte, insbesondere die Leopoldstadt nachhaltig prägende Familie geboren wurde.
„Vater der Filmmusik“
Am 10. Mai 1888 kam der heute oft als „Vater der Filmmusik“ beschriebene Komponist in der Praterstraße 72 als Maximilian Raoul Walter Steiner zur Welt. „Soweit ich herausfinden konnte“, wird Steiner später in einer unveröffentlichten Autobiografie trocken anmerken, „war ich das einzige Kind meiner Eltern.“
Marie Josefine „Mizzi“ Hollmann, Tänzerin im Theater an der Wien, und der sechs Jahre ältere Gabor Steiner hatten 1883 geheiratet und waren in jene Wohnung des 1838 eröffneten, nahe des Nordbahnhofs gelegenen „Hotel Nordbahn“ gezogen. Hier sollte Max aufwachsen. Und zwar unüberhörbar begabt und intensiv gefördert.
Als Achtjähriger schon begann Max – benannt nach seinem legendären und insbesondere als Impresario des Theaters an der Wien bekannten Großvaters Maximilian Steiner – am Klavier zu improvisieren und erste Kompositionen zu notieren. Ein Jahr später wurde sein erstes Lied („zwei Singstimmen mit Pianofortebegleitung“) veröffentlicht: „Lasse einmal noch dich küssen“, gewidmet „meinen theuren Eltern in kindlicher Liebe“.

Der zu jener Zeit um sich greifende Antisemitismus wurde auch für die jüdische Familie Steiner zunehmend unerträglich. Am 14. Juli 1894 wurden Gabor, Mizzi und der sechsjährige Max in der evangelischen Gustav-Adolf-Kirche in Mariahilf getauft. Mizzi, die für ihre Ehe mit Gabor konvertiert war, wurde wieder katholisch; Sohn Max und Vater Gabor waren fortan evangelisch.
Gondeln und Kanäle
Für Maxens Vater Gabor Steiner stand mit der Konversion insbesondere auch die wirtschaftliche Zukunft unter einem günstigeren Stern. So wurde seinem in zähen Verfahren festhängenden Projekt „Venedig in Wien“ schließlich überraschend schnell die Baugenehmigung erteilt. Gemeinsam mit dem Architekten Oskar Marmorek konnte Gabor auf dem zwischen Praterstern, Ausstellungsstraße und Prater Hauptallee gelegenen Kaisergarten einen 50.000 Quadratmeter großen, spektakulären Vergnügungspark mit Kanälen, Gondeln und mit venezianisch anmutenden Gebäuden errichten und im Mai 1895 eröffnen.

Zwei Jahre später, am 3. Juli 1897, wurde in unmittelbarer Nachbarschaft auf einem von Gabor Steiner gepachteten Grundstück das Riesenrad offiziell in Betrieb genommen. Gabor, der oft als „Vater des Riesenrads“ beschrieben wird, hat drei Jahrzehnte nach der Eröffnung im „Neuen Wiener Journal“ unter dem Titel „Wie das Riesenrad nach Wien kam“ auch seinen „Kampf gegen die Behörden“ beschrieben:
Erbauer des Riesenrads
„Ja, sagen Sie, ist heute der erste April?“, habe ihn der zuständige „Baurat Ruttenthaler“ angesichts seiner Pläne kopfschüttelnd gefragt: „Glauben Sie wirklich, lieber Direktor, dass sich jemand finden kann, der Ihnen zur Erbauung dieses Monstrums die Bewilligung erteilen wird?“ Da kannte er diesen Direktor Steiner aber schlecht: „Mit mir war nicht leicht fertig zu werden“, brachte der sein langes Durchhaltevermögen auf den Punkt. 90 Jahre später resultierte daraus immerhin ein Beschluss des Gemeinderatsausschusses für Kultur. Seit 1987 heißt jene Verkehrsfläche, die am Bitzinger Würstelstand vorbei zum Riesenrad führt, Gabor-Steiner-Weg.
Was all das mit dem Sohn Max zu tun hat? Niemand, wird sein Biograf Steven C. Smith schreiben, liebte „Venedig in Wien“ mehr als sein häufigster Besucher: Max genoss das Privileg des unbeschränkten Zutritts zum Imperium seines Vaters und damit auch die Aufmerksamkeit der 1.500 Angestellten.
Der erste „Cinematograph“
Sowohl den Status als Sohn als auch das Werk seines Vaters habe Max als Ansporn gesehen, schreibt sein Biograf: „Die Palazzi beherbergten Attraktionen, die im Rückblick wie eine Vorschau auf das Leben wirken, das Max bevorstand. Im Concert Edison House erklangen die frühen Aufnahmen musikalischer Werke wie triumphale Botschaften aus einer anderen Zeit. Auf einer Freiluftbühne tanzten afrikanische Künstler und sangen einheimische Lieder – Jahrzehnte bevor Max ähnliche Rituale für das Filmstudio RKO vertonte. Noch prägender für seine Zukunft war jedoch ein Gerät, von dem Gabor gelesen und das er ungesehen gekauft und nach Wien importiert hatte: 1895 hatten die Brüder Auguste und Louis Lumière in Paris ihren „Cinematographen“ vorgestellt. Kurz darauf richtete Gabor Steiner Wiens erstes Kinotheater ein – ein Haus, in dem die Bilder sich bewegten und das neue Welten eröffnete.“
Und so öffnete sich Max die Welt. In Wien hatte er neben dem Klavier, noch Violine, Bass und Trompete spielen gelernt und mit 14 seine erste Operette geschrieben, die ihn als Dirigenten-Wunderkind auch nach Moskau führte.
Erst Broadway, dann Hollywood
Mit 16 zog ihn ein Angebot erstmals nach Großbritannien, wo er zehn Jahre lang in diversen Konzert- und Theaterhäusern als Dirigent und Arrangeur tätig war. „Durch meine Freundschaft mit dem Duke of Westminster habe ich einen Pass bekommen, nach Amerika zu gehen“, erzählte er später in einem Interview: „Da bin ich zu ‚Ziegfeld Follies‘ gekommen ins Amsterdam-Theater nach New York. Und seit dem bin ich immer hier.“ 15 Jahre hat Max Steiner als Dirigent am Broadway gedient. Wirklich berühmt aber wurde er erst spät in Hollywood.
Das Jahr 1929 markiert die Wende vom Stumm- zum Tonfilm. Produzenten und Kinos rüsteten auf neue Tontechnik um. Max Steiner kommt im Filmstudio RKO Pictures unter und entwickelt seine bis heute legendäre Handschrift, das Underscoring: Die Musik begleitet die Handlung auf der Leinwand und steigert dadurch die dramatische Wirkung des Films. Richard Wagner, dessen Musik Steiner wenig schätzte („It’s too Nazi“), war ihm dennoch darin Vorbild: „Wenn Wagner in unserer Zeit gelebt hätte, wäre er unser bester Filmkomponist gewesen“, bemerkte Steiner später.
King Kong als tragische Figur
Erstmals überzeugend und außergewöhnlich erfolgreich war Steiner mit seiner Methode, als er dem gigantischen Affenungeheuer King Kong eine Seele einhauchte. Während früher Musik sparsam oder als neutrale Untermalung eingesetzt wurde, schrieb Steiner fortan durchkomponierte, szenengenau synchronisierte Orchesterpartituren, die erzählten anstatt zu begleiten.
King Kong malte er mit einem wuchtigen, bedrohlichen Motiv mit tiefen Blechbläsern und schweren Rhythmen. Die Figur der Ann Darrow hingegen umwob er mit lyrischen, weich instrumentierten Themen. Gefahr und Abenteuer markierte Steiner mit dissonanten Harmonien und exotisierenden Klangfarben. King Kong changiert in der Folge zwischen einer bedrohlichen, aber eben auch tragischen Figur, das Finale auf dem Empire State Building gleitet von martialischer Dramatik in melancholische Tragik. Meisterhaft lenkt Steiner so die Wahrnehmung des Filmpublikums und schafft Empathie für eine riesenhafte, nicht-menschliche Figur.

Die innovative Kraft, die Steiner bei seinem King Kong entwickelt hat, wird später eine große Zahl anderer Produktionen tragen. Manche werden gerade seiner Musik wegen als Ikonen im kulturellen Gedächtnis unserer Zeit verankert bleiben.
In Casablanca (1942) inszeniert Steiner das (allerdings nicht von ihm komponierte) Lied As Time Goes By so kunstvoll als Symbol einer gemeinsamen Vergangenheit, dass es unauslöschlich ins emotionale Gedächtnis des Publikums eingeschrieben wird. Großartig auch die „Marseillaise“-Szene in Ricks Café: Aus einer formalen Hymne wird durch Steiners Orchestrierung ein Akt des Widerstands, seine Musik wird zum Symbol dafür, wie individuelles Zögern in kollektiven Mut umschlägt. Max Steiner hat der Welt damit einen der nachdrücklichsten Momente der Kinogeschichte hinterlassen.
Auszeichnung für „Vom Winde verweht“
Kommerziell betrachtet ist seine Musik für Vom Winde verweht (1939) mit Abstand das weit herausragende Werk: Gemessen am Einspielergebnis in den USA zählt der Film zu den erfolgreichsten Hollywood-Produktionen aller Zeiten. Dass Steiner dafür der Academy Award („Beste Originalmusik“) verliehen wurde, mehrte sowohl seinen Ruf als auch sein Einkommen. Dass es auch einer der Lieblingsfilme von Adolf Hitler werden sollte, war wohl nicht zu verhindern.
Alles in allem hat Max Steiner in Hollywood 300 Filmmusiken komponiert. 24 Mal war er für einen Oscar nominiert worden. Dreimal hat er ihn auch gewonnen. 1965 zog er sich aus dem Business zurück. Am 28. Dezember 1971 starb er 83jährig im Mt. Sinai Hospital in New York City.
Jeden Tag aufs Neue, schließt sein Biograf, nehme Steiners Musik sein Publikum mit auf eine Reise in Welten, die in ihrer übersteigerten Emotionalität größer seien als das Leben selbst und doch unmittelbar fassbar als Freude, Schmerz und romantische Erfüllung: „Man muss diese Musik einfach hören.“

Zur Einstimmung bietet sich ein Besuch in einer kleinen Bar an, die 2018 in seinem Geburtshaus eingerichtet wurde. Seit 2008 firmiert das Haus auf Praterstraße 72 als Austria Classic Hotel Wien. 1998 ließen Bürgermeister Helmut Zilk und die Erste Österreichische Sparkasse zum 100. Geburtstag Max Steiners eine Gedenktafel an der Fassade anbringen: „Seine Karriere begann in ‚Venedig in Wien‘, der Theater- und Vergnügungsstadt im Prater.“
Ein Longdrink namens „Scarlett O’Hara“
In der Max Steiner Bar prägen Auszüge aus Partituren, Szenenfotos und Filmplakate das Ambiente. Rick Blaine, Ilsa Lund und Victor Laszlo schauen dem Besucher in die Augen. Ein unter „Scarlett O’Hara“ firmierender Longdrink („Southern Comfort & Cranberry“) wärmt dabei Leib und Seele. Noch, so ließe sich hier ein Stündchen lang bei kalten Temperaturen im Warmen schwelgen, ist noch nicht alles vom Winde verweht.
Die Biographie: Music by Max Steiner. The Epic Life of Hollywood’s Most Influential Composer. NYC 2020
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







