Die Psychotherapeutin Anita Iberer, 61, arbeitet in ihrer Praxis beim Gaußplatz und stärkt sich zwischendurch mit georgischem Liedgut.

Ich habe mir erst spät erlaubt, genau das zu tun, was ich heute sehr gerne tue. Nach dem Romanistik-Studium war mir zwar schnell klar, dass ich doch nicht als Lehrerin arbeiten will. Aber ich musste mich erst einmal neu orientieren. Ich habe mit einer Ausbildung zur Heilmasseurin begonnen, habe später in der Lebens- und Sozialberatung und dann auch an Schulen zur Gewaltprävention gearbeitet. Parallel dazu habe ich eine intensive Ausbildung zur Achtsamkeitstrainerin nach der Methode von Jon Kabat-Zinn absolviert. Und zwei Kinder großgezogen. Unser Sohn Lukas ist heute schon 31 Jahre alt, unsere Tochter Anna 34. Außerdem bin ich Oma: seit drei Jahren von Sofia und seit sieben Wochen von Leon. Es war und ist also immer gut etwas los in meinem Leben.
Ein Traum wird wahr
Eines Nachts habe ich geträumt, dass ich Psychotherapeutin bin. Beim Frühstück habe ich meinem Mann diesen Traum erzählt. Roberts Reaktion: Dann mach das doch endlich. Ich war damals immerhin schon 50 Jahre alt. Heute frage ich mich manchmal, wie ich das alles geschafft habe. Diese langwierige Ausbildung, die Sommermonate mit unbezahlten Praktika zupflastern, dabei auch noch ein Familienleben aufrechterhalten. Aber es hat sich gelohnt. Seit sechs Jahren bin ich als personenzentrierte Psychotherapeutin in eigener Praxis in der Oberen Donaustraße tätig. Ich sehe meine Klient*innen als Expert*innen ihres Lebens und mich als ihre Begleiterin dabei.
Da gibt es viele schöne Momente. Zu sehen, wie sich Menschen entwickeln. Wie sie Probleme lösen. Wie sie Herausforderungen angehen. Ich darf Menschen beim Wachsen zuschauen. Im Rückblick sehe ich jetzt auch meinen eigenen Weg klarer: Ich habe viel ausprobiert, manches verworfen, mich aber doch immer wieder auf ein, auf mein Thema konzentriert: Was macht unser Menschsein aus, was bedeutet Zufriedenheit?
ADHS ist besonders häufig
Aber als Therapeutin habe ich auch viel Belastendes um mich, habe mit Menschen zu tun, die sehr einsam sind. Mit Menschen, in deren Leben sich über längere Zeit hinweg gar nichts bewegt. Oder mit Menschen, die schwierige Trennungsphasen durchleben. Angst und Depressionen sind in unterschiedlichsten Ausprägungen eigentlich die Hauptthemen. Viele Junge, Menschen im Alter meiner eigenen Kinder, haben damit zu tun. Und dazu noch ADHS. Das ist so häufig und so divers, dass es allein schon wegen des ständigen Fortbildungsbedarfs herausfordernd ist.
Mit anderen Worten: Ich brauche viel Ausgleich. Meine Pausen verbringe ich gerne bei Spaziergängen im Augarten oder beim Mittagessen in der Bäckerei Prindl am Gaußplatz. Die Hauptsache ist aber das Singen. Robert und ich singen viel. Er ist Berufsmusiker. Und ich singe schon seit meiner Kindheit in Chören. Als Mädchen, zuhause in Seitenstetten, war ich im Kirchenchor. Im Vox Slavena Chor singen wir seit ein paar Jahren mit Nataša Mirković Lieder aus Südosteuropa. Im Ensemble Gin&Tonics singen wir mit Paula Barembuem alles von Renaissance bis Jazz. Ganz besonders am Herzen liegt uns aber die georgische Musik.
Musik als Erbe der Menschheit
Georgien ist für seine polyphone Musik, für den dreistimmigen Gesang weltberühmt. Seit 2001 steht der georgische Gesang in der UNESCO-Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“. Wir sind bei einer Reise 2014 darauf gestoßen. Mit Freunden haben wir eine singende Familie im kleinen Kaukasus besucht. Bergbauern, die noch nie mit Touristen zu tun hatten. Sie haben uns ihre Schlafzimmer angeboten und sich selbst ins Wohnzimmer gelegt. Und sie haben für uns gesungen. Die Söhne und ihr Vater haben Lieder gesungen, die sie vom Großvater gelernt hatten.
Das ist alles sehr archaisch, sehr kraftvoll, sehr belebend und an den Harmonien gemessen sehr schräg. Im Hohen Kaukasus sind wir bei weiteren Reisen später auch auf vorchristliche Musiktraditionen gestoßen. Wir haben mit dem Handy Aufnahmen gemacht und dann begonnen, die Texte in Lautschrift aufzuschreiben. Das Georgische ist eine sehr schwierige Sprache, offenbar mit keiner anderen verwandt. Wir haben es nicht gelernt. Aber unsere Freunde dort behaupten, dass wir eine wunderbare Aussprache hätten.

Die Gastfreundschaft der Menschen dort ist ein Thema für sich, unpackbar. Man ist immer in Gemeinschaft. Sie bereiten uns jeden Abend eine Festtafel, die sogenannte Supra. Stundenlang kommen dabei immer wieder irgendwelche wunderbaren Speisen auf den Tisch. Ständig wird gegessen, getoastet und getrunken. Der Tischführer, Tamada genannt, ist für die Toasts zuständig, für die Trinksprüche. Damit hält er die Gemeinschaft zusammen. Man süffelt nicht einfach vor sich hin, sondern trinkt auf das Leben, auf die Ahnen, auf die Musik. Man führt dabei auch keine Zweiergespräche, sondern ist immer gemeinsam eingebunden. Und trinkt dabei Unmengen an Schnaps. Gerne auch schon zum Frühstück.
Lieder für jeden Anlass
Längst singen Robert und ich in Wien mit unserer Freundin Karin das georgische Repertoire in unserem eigenen Trio Megobrebi, regelmäßig und bei Gelegenheit auch öffentlich. Es gibt ja zu jedem Anlass und zu jedem Thema georgische Lieder. Sowohl sakrales als auch Volksliedgut. Entsprechend vielfältig ist das Programm des Trios. Bei uns geht es quer durch um Alles. Um die Liebe und die Arbeit. Um Freundschaft und um die Ernte. Um Tod und Trauer. Um Heilung und Glück.
Georgier fühlen sich geehrt, dass wir ihre Lieder singen. Wir waren in Wien sogar schon eingeladen, an deren Unabhängigkeitstag am Platz der Menschenrechte ihre Lieder zu singen. Auch heuer im Sommer werden wir wieder nach Georgien fahren, um Menschen zu besuchen, um mit ihnen zu singen.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Link: https://www.psychotherapie-iberer.at
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at






