Der Architekt Angelo Stagno, 64, will für den Kampf gegen die Klimakrise die Flaktürme im Augarten nutzen – und sie mit Regenwasser füllen.

‘Du denkst wie ein Künstler’, wird mir gelegentlich vorgeworfen. Manchmal nennt man mich auch einen Träumer. Oder einen Visionär. Dabei komme ich aus einer sehr pragmatischen Ecke. Ich war Vermessungstechniker und habe als verbeamteter Ministerialangestellter am Nationalen Institut für Kernphysik in Frascati bei Rom gearbeitet. Ich war der Jüngste im Team um Carlo Rubbia, der damals gerade den Nobelpreis für Physik erhalten hatte.
Mit der Vespa nach Österreich
Wäre ich im Amt geblieben, hätte man mich längst mit einer guten Pension in den Ruhestand versetzt. Aber mir wurde es nach einer Weile politisch und strukturell zu eng. Auch meine Herkunft spielte eine Rolle: Ich stamme aus Matera, bin also Süditaliener. Das wurde nicht immer geschätzt.
Ich habe also schon nach zweieinhalb Jahren gekündigt. Und bin mit meiner Vespa herumgekurvt, neugierig und voller Enthusiasmus. Ich bin in die Schweiz gefahren. Und nach Österreich. Ich wollte studieren, Geologie und Anthropologie haben mich interessiert. Bis eine Freundin gesagt hat: ‘Du bist doch Techniker, Du zeichnest gerne, mach doch Architektur’. Also habe ich in Innsbruck und an der Angewandten in Wien studiert und an der TU Wien mein Architektur-Diplom gemacht.
Das Bauen ist ja immer nur ein Teil der Arbeit eines Architekten. Es muss aber keineswegs der wichtigste sein. Mir geht’s um die Phänomenologie der Architektur. Mich interessieren die Konsequenzen der Architektur. Wann ist Bauen notwendig? Und wann sollte man stattdessen eine Umnutzung andenken? Man kann das Bauen nämlich auch gut vermeiden.

Schauen wir uns mal die Flaktürme im Augarten an. Ich wohne ganz in der Nähe. Und sehe tagein, tagaus diese Riesenobjekte zwecklos auf der Wiese stehen. Die einzigen, die sich an ihnen erfreuen, sind die Tauben. Errichtet wurden diese Stahlbetonmonster im Zweiten Weltkrieg als Flak-Standorte, also für die Flugabwehr. Gebaut wurden sie von Zwangsarbeitern, auch von italienischen. Heute sind sie allenfalls Erinnerungsstücke.
Neuer Nutzen für die Türme?
Was wäre denn, wenn wir diese Türme nutzen könnten, wenn wir sie umrüsten und darin Regenwasser speichern? Der Regen, der auf die Häuser rund um den Augarten fällt, landet schon nach wenigen Minuten als Grauwasser in der Kanalisation. Andererseits aber werden die Grünflächen und Bäume im Augarten mit großen Mengen an kostbarem Wasser gegossen, das über die Hochquellleitung aus den Alpen in die Stadt kommt. Meine Idee ist also naheliegend.
Die Umsetzung ist komplex, aber durchaus machbar. Um den auf die Wände wirkenden Wasserdruck zu reduzieren, könnte man das Innenleben nach dem Muster einer Orange in Spalten strukturieren. Sechs Millionen Liter Wasser ließen sich so speichern. Natürlich kostet das Geld. Aber mit Sicherheit weniger, als ein paar Kilometer Tunnel oder ein Stück Autobahn. So gesehen ist das also gut machbar. Und obendrein mit umwelttechnischen, sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen verbunden.
„Das Wasserreservoir hätte positive Auswirkungen auf die Wohnqualität im 2. und 20. Bezirk”
Die Idee ist absolut zeitgemäß. Wir widmen etwas um: Ein Bauwerk, das die Stadt einst vor Bomben hätte schützen sollen, könnte uns heute vor den Auswirkungen der Klimakrise schützen. Wir könnten also aus der Negativität des Kriegskontexts eine positive Zukunftsvision schaffen. Stopp the War, Store the Water!
Im Augarten herrscht ein ganz besonderes Mikroklima, das man durch so eine Umrüstung auch noch pflegen könnte. Das Wasserreservoir hätte dann nicht nur positive Auswirkungen auf das Leben der Tiere und Pflanzen im Augarten, sondern auch auf die Wohnqualität im 2. und 20. Bezirk.

Um zu zeigen, wie das geht, habe ich in einer Kooperation mit der Architektin Maria Auböck und mit dem Universitätsdozenten Bernhard Pucher gemeinsam mit einer Gruppe von Studierenden an der Akademie der Bildenden Künste und an der BOKU Wien ein Pilotprojekt entwickelt.
Pumpen und Zisternen
Das Wasser von den Dächern der barocken Gebäude im Augartenspitz, in denen das Filmarchiv untergebracht ist, könnte in unterirdischen Zisternen gesammelt und dann mit Pumpen, die durch Solaranlagen aktiviert werden, auf die umliegenden Grünflächen und Beete verteilt werden. Das ergäbe ein autarkes System. Vier Stunden Regen würden 27 Kubikmeter Wasser ergeben, also etwa die Menge, die in vier bis fünf Feuerwehr-LKW-Tanks Platz hat. So ein Projekt lässt sich mit 100.000 Euro umsetzen. Aber noch gibt’s dafür kein Geld.
Es ist im Grunde ja überall das Gleiche. Wir haben genug, oder genauer gesagt: schon viel zu viel und zu respektlos gebaut. Wir müssen nichts Neues mehr bauen, wir müssen umdenken. Um zeigen, wie das gehen kann, habe ich eine Mobilitäts-Initiative gestartet: Historische Vespa-Modelle und diese italienischen Kleintransporter auf drei Rädern, die Apes, bekommen einen Elektromotor und sind leise und ohne Emissionen auch schon in Wien unterwegs.
Leben im Höhlensystem
Für mich war beim Denken über Architektur immer schon meine Herkunft hilfreich. Ich stamme aus Matera. Der älteste Teil dieser Stadt hat keine Quelle und keine Straßen, aber die höchste urbane Dichte Europas. Das größte Volumen ist dabei ein Höhlensystem, das in die Berge gebaut wurde. Seit fast 10.000 Jahren leben Menschen darin.
Der Himmel versorgt die Stadt mit Regenwasser, das in Zisternen gesammelt wurde. Aus einem Zusammenspiel mit der Luftzirkulation und der Lichtdiversion ergibt sich so das ganze Jahr über ein angenehmes Klima. Lange Jahre galt Matera als nationaler Schandfleck, weil im postindustriellen Italien Menschen noch teilweise zusammen mit den Nutztieren in trogloditischen Höhlen lebten. 1993 wurden diese Sassi genannten Höhlen von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. 2019 war Matera Europäische Kulturhauptstadt.
Dass ich mir jetzt den Augarten vorgenommen habe, ist also kein Zufall. Es ist eine Folge meiner Suche nach möglichen nachhaltigen Entwicklungen für Architektur und Städtebau in der unmittelbaren Zukunft.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.






