Mansur Elsaev ist Österreichs erfolgreichster aktiver Profiboxer. Eine bittere Niederlage zwingt den Leopoldstädter jedoch, seine Zukunft neu zu planen.
Text: Sebastian Haller, Foto: Christopher Mavrič
Die Reportage zum Anhören:

Es sollte der große Durchbruch für Mansur Elsaev sein, der direkte Weg in das internationale Boxgeschäft. Siebzehn Kilo hat er für diesen Kampf abgenommen. Der Gegner wird erst kurz davor präsentiert. Kein großer Name, schlagbar, sagen viele. Die Stimmung in der Halle im April 2024 ist aufgeheizt. Mehrere tausend Fans sind zu dem Event in die Steffl Arena in die Donaustadt gekommen. Dem Sieger winkt der Titel als Europameister. Und der Leopoldstädter Elsaev geht als klarer Favorit in den Kampf.
Doch das Match verläuft gar nicht nach Plan. Am Ende der zwölften Runde liegt Elsaev blutüberströmt am Boden, er muss zahlreiche schwere Treffer einstecken und kann nicht mehr aufstehen. Es ist die erste Schlappe in seiner zehnjährigen Karriere als Profi. Ausgerechnet im EM-Kampf: „Ich war, ehrlich gesagt, psychisch ein bisschen kaputt“, erzählt er heute. Was er nicht mehr mitbekommt: Nach seinem Zusammenbruch beginnt auch noch eine Schlägerei zwischen den Betreuern.
Traumberuf Profiboxer
Zwei Jahre später, in Österreichs größtem Boxcenter, am Stadtrand von Wien. Vorbei an einem Watschenmann, der außer Betrieb ist, kommt man in eine lichtdurchflutete Halle mit hoher Decke. Rund 50 Kinder wärmen sich an diesem Sonntagvormittag auf. Ein älterer Trainer mit schütterem Haaren und starkem russischen Akzent gibt einer Gruppe taktische Anweisungen. Am Rande der blauen Trainingsmatten beobachtet Elsaev das Geschehen.
Keine Minute vergeht, in der er nicht gegrüßt wird. Er antwortet leise, wechselt dabei zwischen Deutsch, Russisch oder Tschetschenisch. Hier arbeitet der Profiboxer mittlerweile als Trainer. Er betreut den Leistungskader und etwa 100 Kinder, darunter seinen siebenjährigen Sohn. Es sind junge Boxer, die in seine Fußstapfen als Profi treten wollen. „Auch wenn er von außen ein bisschen härter ausschaut, ist er ein sehr guter Trainer“, sagt der schweißgebadete Yusuf am Rand des Boxringes: „Ich bin sehr zufrieden mit ihm.“
Der erste Pokal
Elsaev wächst in Tschetschenien auf, südlich der Hauptstadt Grozny. Seine Kindheit wird von einem strengen Vater und vor allem von den brutalen Tschetschenien-Kriegen geprägt. Beim ersten Krieg, der 1994 begann, war er vier Jahre alt: „Ich kann mich nur so verschwommen erinnern. Aber an den zweiten Krieg kann ich mich sehr gut erinnern.“ Dieser zweite Krieg der russischen Zentralmacht gegen die tschetschenische Unabhängigkeitsbewegung macht das Leben in Elsaevs Heimat unmöglich. Überall sehen Elsaev und seine Familie Gewalt und Zerstörung: “Ich habe keine Kindheit gehabt.” 2004 flüchtet der damals 14-Jährige nach Österreich, gemeinsam mit seiner Mutter und seinem sechsjährigen Bruder. Über die aktuelle politische Lage in Tschetschenien möchte Elsaev nicht sprechen.

Das Boxen interessiert ihn in der Zeit nach seiner Flucht nicht: „Ich hatte ehrlich gesagt Angst, Boxen zu gehen, weil es damals für mich zu brutal war.“ Erst als ihn ein befreundeter Tschetschene in Wien mit zu einem Training nimmt, findet er daran Gefallen – und gewinnt schon nach drei Monaten ein kleines Turnier. „Es war eine große Motivation für mich“, sagt er: „Dieser Pokal, diese Aufmerksamkeit.“
Es läuft gut für den jungen Elsaev. Er schließt die Mittelschule ab, eine Lehre zum KFZ-Mechaniker bricht er allerdings ab: „Das habe ich sehr bereut. Sonst hätte ich jetzt einen Lehrabschluss.“ Damals aber stört ihn das nicht – Boxen ist jetzt sein Fokus.
Jobs im Supermarkt
In seinem Fitnessstudio trainieren zu dieser Zeit auch zwei deutsche Profiboxer. Elsaev beobachtet sie und spricht ihren Trainer an. „Ich habe gefragt, ob ich mit ihnen kämpfen darf“, und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Ich habe beide geschlagen.“ Der Trainer bietet ihm einen Profivertrag an. Elsaev überlegt nicht lange und unterschreibt. Vom Boxen leben kann er trotzdem nicht: „In zwei Jahre habe ich nur zwei Kämpfe gemacht.“ Er jobbt untertags in einem Supermarkt, am Wochenende steht er als Türsteher vor Clubs: „Es war anstrengend damals.“
Trotzdem setzt er als Profi zu einer Siegesserie an. 18 Siege, darunter zwei prestigeträchtige WBC Asia-Titel – ein Profibox-Titel des World Boxing Council im asiatischen Raum – machen ihn zu einem der erfolgreichsten Boxer Österreichs. Und bis zum EM-Kampf bleibt er ungeschlagen. Wenn er von dieser Zeit spricht, klingt es fast, als rede er über einen anderen Boxer: „Ich habe sehr starke Gegner geschlagen. Ich war richtig gut.“ Er schafft es unter die Top 20 weltweit.
Training trotz Ramadan
Vom österreichischen Boxverband fühlt er sich jedoch nicht unterstützt. Er beklagt fehlende Trainingscamps und zu wenige Kämpfe. „Wenn du wo anders ein internationales Turnier gewinnst, kriegst du ein Auto oder eine Wohnung. Aber in Österreich ist es leider nicht so.“ Wo anders leben? Das kann sich der Leopoldstädter trotzdem nicht mehr vorstellen.
An diesem Sonntagvormittag steht Elsaev in voller Montur in der Trainingshalle. In drei Monaten hat er seinen nächsten Kampf, die Boxhandschuhe trägt er heute aber nur für ein paar Fotos. Als gläubiger Muslim hält er gerade Ramadan. Kein Essen und kein Trinken bis Sonnenuntergang – trotz Trainings: „Ich mache eher Krafttraining und Ausdauertraining – alles locker.“ Auf Sparring, also Trainingskämpfe, verzichtet er.

Wenn er über den verlorene EM-Kampf spricht, klingt noch immer ein Bedauern mit: „Hätte ich den Kampf gewonnen, dann hätte ich ein Angebot für 1,3 Millionen bekommen.“ Mit einem Sieg wäre die internationale Bühne greifbar gewesen – ein Millionenkampf gegen Weltmeister Dimitry Bivol, einem Superstar der Szene. Elsaev zuckt mit den Schultern. „Gott hat es so gedreht, dass mein Gegner mich geschlagen hat.“ Die Perspektive hat sich seither verändert. „Ich bin jetzt 35 Jahre alt. Ich werde mehr nicht so lange boxen.“
Eigenes Boxzentrum
In diesem Jahr möchte Mansur Elsaev ein eigenes Boxzentrum eröffnen und seinen Sohn Baysangur weiter im Training unterstützen. Macht dem Nachwuchs das Boxen Spaß? „Nein“, sagt der schmächtige Bursche schüchtern, aber überzeugt. „Er will lieber Mixed Martial Arts-Kämpfer werden“, fügt sein Vater hinzu und lächelt.
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Sebastian Haller
Sebastian Haller war unter anderem für den "Standard" und den ORF tätig. Ausgezeichnet wurde er mit dem Österreichischen Jugendpreis. Davor hat er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Medienforschung gearbeitet.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.






