200 Rekruten sind auf dem Gelände einer aufgelassenen Ladestraße angelobt worden – als Zeichen für den Wandel der Armee und der Stadt.
Text: Bernhard Odehnal, Fotos: Chris Mavrič

„Zum Gewehr!“ So schallt es über die alte Ladestraße Nummer 1 des Nordwestbahnhofs. 200 Männer in Tarnuniform und grünen Baretten nehmen ihre Waffen hoch. Danach sprechen sie die Formel nach. Ein Offizier gibt sie über Lautsprecher vor: „Ich gelobe, mein Vaterland, die Republik Österreich uns sein Volk zu schützen…“
Marschmusik und Sonnenbrillen
Es ist der erste sonnige Tag nach einer langen, grauen Kälteperiode in Wien. Vor einer der letzten Lagerhallen des Nordwestbahnhofs, die noch nicht den Baggerschaufeln zum Opfer gefallen sind, hat das Bundesheer seine Zelte aufgeschlagen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Drei dunkelgrüne Armeezelte wurden für den Anlass aufgestellt.

Vor der mit Graffitis bunt bemalten Wand der Güterhalle haben Gardesoldaten in grauer Uniform und roten Baretten Aufstellung genommen. Die Militärmusik spielt Märsche. Die Rekruten stellen sich zur Angelobung auf. Hinter einer Absperrung sehen die Familien der Jungsoldaten zu und filmen die Zeremonie mit ihren Handys. Militärpolizisten und -polizistinnen mit dunklen Sonnenbrillen gehen auf und ab. Von den Fenstern der gegenüber gelegenen jüdisch-orthodoxen Schule beobachten Jugendliche erstaunt das Geschehen.

Wieso hat das Bundesheer ausgerechnet das zum Abbruch bestimmte Gelände des Nordwestbahnhofs in der Brigittenau für die Angelobung der Rekruten gewählt? Dieser Ort stehe für den Wandel, erklärt der Presseoffizier, Oberleutnant Nikoloz Avaliani, die Parallelen: „Es ist ein Stadtentwicklungsgebiet, in Zukunft sollen hier Wohnungen entstehen. Und auch beim Bundesheer entwickelt sich einiges: Wir investieren in Infrastruktur und beim Personal gibt es Zuwachs.“

Auch die Bezirksvorsteherin der Brigittenau, Christine Dubravac-Widholm, betont in ihrer kurzen Ansprache die Bedeutung des neuen Stadtteils, in dem in ein paar Jahren bis zu 16.000 Menschen leben sollen. Vertreter des Bundesheeres nehmen die Angelobung außerdem zum Anlass, sich ausdrücklich für die Verlängerung des Präsenzdienstes auf acht Monate plus Übungen auszusprechen.
Kugelschreiber und Stressabbau
Nach gut zwei Stunden ist der offizielle Teil der Veranstaltung zu Ende. Die Rekruten geben die Gewehre ab und gehen mit ihren Familien in die Armeezelte Gulasch essen. Vor einem Anhänger mit der Aufschrift „Heer on Tour“ verteilen Soldaten Broschüren, Kugelschreiber, Schlüsselbänder und kleine Soldatenfiguren aus Gummi. Man kann sie in die Hand nehmen und drücken – zum Abbau von Stress.
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.







