Die neue Tramlinie hat signifikante Schwächen und wird nur mäßig gut angenommen. Das könnte eine andere Linienführung schnell ändern.
Kommentar: Bernhard Odehnal

Sie habe sich sehr über die neue Linie 12 gefreut, sagte mir unlängst eine Lehrerin, die im Nordbahnviertel unterrichtet: Endlich komme sie ohne Umsteigen direkt in den 8. Bezirk. Die Freude währte aber nur kurz. Mittlerweile bevorzugt die Frau eine andere Route. Da muss sie zweimal Umsteigen – und ist trotzdem früher am Ziel.
Auf Umwegen unterwegs
Seit einem halben Jahr fährt „der Zwölfer“ nun durch Zwischenbrücken: Von der Endstelle „Hillerstraße“ im Stuwerviertel durch das Nordbahnviertel zur Dresdner Straße. Dann weiter in einem großen U über Höchstädtplatz, Stromstraße und Jägerstraße zur Wallensteinstraße. Von dort parallel mit der Linie 5 in den 9. und 8. Bezirk bis zur Station Josefstädter Straße der U 6 (siehe Karte).
Eine „neue und leistungsfähige Verbindung, von der tausende Wiener:innen profitieren“, versprachen bei der Eröffnung die „Wiener Linien“. Tatsächlich wird die Linie genutzt. Wirklich gut ausgelastet ist sie aber nicht. Im 2. und 20. Bezirk sind meistens höchstens die Hälfe der Sitzplätze in den langen ULFs besetzt.

Natürlich braucht es immer einige Zeit, bis neue Linien im Wiener Öffi-Netz von den Fahrgästen angenommen werden. Doch dass das beim 12er bald gelingt, ist wenig wahrscheinlich. Denn die Linie wurde falsch geplant.
Kein Anschluss an die U-Bahn
Der größte Fehler ist die Endstelle „Hillerstraße“ in der Leopoldstadt. Die liegt mitten im Stuwerviertel, ohne Anschluss an U-Bahn, S-Bahn oder andere Straßenbahnlinien. Sinnvoll wäre eine Verlängerung zur Station Krieau der U 2 gewesen – da fehlen bloß 800 Meter. Oder gleich bis zum Stadion, wo man in die U2 – und ab Herbst in die Linie 18 – umsteigen könnte. Das war der Stadt Wien aber zu teuer und kompliziert. So verhungert die Linie 12 jetzt im Nirgendwo.
Nach der Fahrt durchs Nordbahnviertel teilt sich der 12er die Strecke in der Dresdner Straße mit der Linie 2, die vom Schwedenplatz kommt. Absurderweise hat die Verdopplung der Linien hier für die Fahrgäste jedoch keine Verbesserung gebracht, eher im Gegenteil. Die Wartezeiten sind nicht kürzer geworden – weil 12er und 2er stets unmittelbar hintereinander fahren. Das war offenbar genau so geplant, denn die Wiener Linien haben die Haltestellen aufwändig zu Doppelhaltestellen verlängert.
Falsch aufgestellte Anzeigetafeln
In einer Fahrtrichtung (Richtung Höchstädtplatz) ist das Umsteigen sogar mühsamer geworden. Die Straßenbahn hält jetzt weiter entfernt von der S-Bahn-Station Traisengasse und der U-Bahn-Station Dresdner Straße. Wer nicht schnell genug läuft, versäumt seine Bim. Dass außerdem die digitalen Anzeigetafeln am falschen Ende der Haltestellen stehen, wurde schon in der Bezirkszeitung kritisiert. Die Wiener Linien wollen das nicht ändern.

Mit ihrem fast zwei Kilometer langen Umweg durch die Brigittenau ist die Linie 12 insgesamt wenig attraktiv. Noch dazu wird Fahrzeit durch autofreundliche Ampelschaltungen verlängert. In der Haltestelle Vorgartenstraße muss die Tram bis zu zwei Minuten warten, bis sie die sechsspurige Lassallestraße queren darf. Am Höchstädtplatz dürfen die Züge wegen kaputter Schienen nur 10km/h fahren. Gleisreparaturen im 2. oder 20. Bezirk sind von den Wiener Linien in diesem Jahr nicht geplant.
Nach Fertigstellung des neuen Stadtteils auf dem Gelände des Nordwestbahnhofs soll es besser werden: Dann wird die Linie 12 schon bei der Traisengasse die Dresdner Straße verlassen und durch das neue Viertel direkt zur Wallensteinstraße fahren. Aber bis dahin werden noch vier bis fünf Jahre vergehen, vielleicht auch mehr.
Mehr Bim für die Taborstraße?
Fazit: Die Brigittenau hätte den 12er in seiner jetzigen Form nicht wirklich gebraucht. Die Leopoldstadt bräuchte ihn hingegen dringend. Die Linie 2 in der Taborstraße ist häufig voll bis überfüllt, eine zweite Linie könnte Entlastung bringen. Umbauten wären dazu nicht notwendig. Die Linie 12 könnte auf bestehenden Gleisen vom Nordbahnviertel schnurgerade durch die Taborstraße bis zum Schwedenplatz fahren und dort wenden.
Oder der Zwölfer könnte sogar weiter über den Stubenring entweder zum Karlsplatz oder zum Hauptbahnhof fahren. Das wäre eine zusätzliche Entlastung für die U1, wenn ab Herbst die S-Bahn-Stammstrecke für 14 Monate gesperrt wird. Und in der Brigittenau könnte statt der Linie 12 wieder die Linie 33 fahren. Die wollte die Bezirksvorstehung ohnehin nicht aufgeben.
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Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.



