Das neu eröffnete Wiener Aktionismus Museum erinnert an die turbulente Geschichte des Perinetkellers im 20. Bezirk
Text: Bernhard Odehnal
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Wie „Christus aus der Vorhölle“ seien die drei Künstler aus ihrem Keller gestiegen, schildert Museumsdirektor Klaus Albrecht Schröder die Ereignisse im Frühjahr 1962 in der Brigittenau. Und sie hätten „eine völlig neue Vorstellung von Kunst“ mit an die Oberfläche gebracht.
Geburtsstunde im Keller
In Schröders diese Woche neu eröffneten „Wiener Aktionismus Museum“ (WAM) wird die damalige Veranstaltung in einem Keller des Hauses Perinetgasse 1 als die „Geburtsstunde des Wiener Aktionismus“ gefeiert.

Das Kellerlokal gehörte damals dem viel später wegen Unzucht mit Minderjährigen und Vergewaltigung verurteilten Otto Muehl. Der wiederum hatte den Keller von trotzkistischen Splittergruppen übernommen, wie auf der Homepage perinetkeller.at nachzulesen ist. Diese sogenannte „Vierte Internationale“ bestand allerdings zuletzt nur mehr aus vier Personen. Ihr Anführer, der Tiefenpsychologe Josef Dvorak, war ein Freund Muehls und gilt als Mitbegründer des Aktionismus. Dvorak wandte sich später dem Satanismus zu und schrieb das Standardwerk: „Satanismus. Schwarze Rituale, Teufelswahn und Exorzismus, Geschichte und Gegenwart.” Er starb im Jänner 2026 mit 91 Jahren.
Eine Aktion namens „Blutorgel“
Doch zurück in den „Perinetkeller“: Anfang Juni 1962 ließ sich Muehl gemeinsam mit seinen Künstlerfreunden Adolf Frohner und Hermann Nitsch dort für drei Tage einmauern. Mit der „Blutorgel“ genannten Aktion wollten sie gegen die damals noch sehr konservativen Wiener Festwochen protestieren. Muehl und Frohner stellten Gerümpelplastiken her, während Nitsch Blut und Gedärme aus einem gehäuteten Lamm auf die Leinwand fließen ließ.
Das Publikum konnte der Aktion nur von der Gasse aus durch die Kellerfenster zuschauen und wurde erst nach dem Abbruch der Mauer eingelassen. Polizei kam auch, weil Nachbarn Orgien und Tierschlachtungen im Keller vermuteten. Beides konnten die Ordnungshüter allerdings nicht finden, sie zogen wieder ab.

Ein Jahr später gingen Nitsch und Muehl abermals in den Keller in der Brigittenau – für ein „Fest des psycho-physischen Naturalismus“. Wieder floss das Blut toter Tiere, wieder wälzen sich menschliche Körper in diesem Blut. Dazu wurden über Tonband Stücke des Komponisten Anestis Logothetis eingespielt.
Die damals entstandenen Schüttbilder von Nitsch sind nun im privaten Aktionisten-Museum in der Weihburggasse zu sehen. Neben den riesigen Bildern zeigen einige schwarz-weiß-Fotos von 1963 die Aktionisten in der Perinetgasse, sowie sichtlich irritierte, aber auch aggressive Passanten und Polizisten. Anders als im Jahr zuvor, verlegte Nitsch seine „3. Kunstaktion“ auch auf den Straßenraum vor den Keller – was in der kleinen und sonst so stillen Gasse beim Gaußplatz ziemlichen Aufruhr verursachte. Der geplante „Fenstersturz einer Küchenkredenz“, also der Wurf eines Küchenmöbels auf die Straße, wurde von der Polizei verhindert.

Die Aktionskünstler kehrten noch ein einziges Mal in den Perinetkeller zurück: 1966 veranstalteten sie eine „Vietnam-Party“ als Protest gegen die militärische Intervention der USA in Vietnam. 1970 ließ das Wiener Gesundheitsamt den Perinetkeller zwangsräumen. Laut den Informationen auf der Webseite seien dabei Muehls Bilder und Skulpturen als Abfall entsorgt worden.
Kritik an musealem Charakter
Hermann Nitsch ging in den 1960er Jahren nach Deutschland und in die USA, kehrte aber 1971 nach Österreich zurück und kaufte im Niederösterreichischen Prinzendorf ein Schloss. Dort veranstaltete er bis zu seinem Tod 2022 regelmäßig sein „Orgien-Mysterien-Theater“. Den Perinetkeller besuchte er noch ein einziges Mal: Im September 2019 wurde dort ein Buch über seine Theaterarbeiten in Anwesenheit des Künstlers präsentiert. Nitsch soll dabei den musealen Charakter des Kellers kritisiert haben.
Otto Muehl gründete 1970 in der Praterstraße 32 seine erste Kommune vor allem mit jungen Erwachsenen. Weil die Gruppe immer größer wurde, zog man vier Jahre später in den Friedrichshof im Burgenland. Weil er dort Kinder der Kommune misshandelte und sexuell missbrauchte, wurde Muehl 1991 verhaftet und zu sieben Jahre Haft verurteilt. Danach zog er sich mit einer neuen Kommune nach Portugal zurück, wo er 2013 starb.

Der Keller in der Perinetgasse stand lange leer. 2014 versetzte ihn eine Künstlerin zurück in den Ursprungszustand der 1960er Jahre. 2016 wurde das Gewölbe von einem neu gegründeten «Institut ohne direkte Eigenschaften» übernommen. Dieses wiederum ist eng mit dem „Aktionsradius Wien“ am Gaußplatz verbunden und definiert sich als „eine Gruppe von KünstlerInnen, KunstvermittlerInnen und ‚Berufsrevolutionären‘“.
Selbst gestecktes Ziel der Gruppe war es, den „Keller in der Perinetgasse zum Leben zu erwecken – und zwar intensiv“. Das ist allerdings nur mäßig gut gelungen. Das Programm auf der Webseite zeigt, dass in den vergangenen Jahren wenige Veranstaltungen im Keller stattfanden. Zuletzt spielte hinter der rostigen Blechtüre im Untergrund Mitte März dieses Jahres ein amerikanisches experimentelles Jazzkollektiv.
Benannt nach Satiriker
Die Perinetgasse hieß lange Zeit Mathildengasse – nach einer tragisch verunglückten Adeligen (ihre Geschichte kannst du hier lesen). Erst 1919 bekam die Gasse mit nur vier Hausnummern den Namen von Joachim Perinet. Der Schriftsteller und Schauspieler lebte Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Bekannt wurde er durch seine gesellschaftskritischen und satirischen Volksstücke. Seine Broschüren über „Ärgernisse in Wien“ hätten vermutlich auch den Aktionisten gut gefallen.
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Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.






