Von der Jahrhundertwende bis in die Zwischenkriegszeit streifte er „undercover” durch die Unterwelt des 2. Bezirks. Seine Sozialreportagen gelten heute als journalistische Meisterwerke. Dass Max Winter auch Politiker war, ist hingegen fast vergessen.
Text: Ernst Schmiederer

Er hatte schon bessere Tage gesehen. Im Februar 1934 war Max Winter zu einer Vortragsreise in die Vereinigten Staaten aufgebrochen. Zehn Monate später wurde ihm wegen „österreichfeindlichen Verhaltens im Ausland“ die Staatsbürgerschaft entzogen, nachdem er Engelbert Dollfuß, den Bundeskanzler des austrofaschistischen Regimes, einen „Arbeitermörder“ genannt hatte.
Tod in Hollywood
Die wenige Lebenszeit, die Winter von da an noch blieb, war geprägt von Armut und Krankheit. Am 11. Juli 1937 starb er im Exil, in einem Krankenhaus in Hollywood. Seine Urne wurde überstellt und auf dem Evangelischen Friedhof Matzleinsdorf in Wien-Favoriten bestattet. Der Grabstein dort spricht Bände: „Max Winter, gestorben in der Verbannung. Sein Wort sprach für Freiheit und Recht. Seine Feder diente den Verkannten und Enterbten. Sein Herz aber schlug für die Kinder.“ Damit geriet der einst so bewunderte Sozialdemokrat vorerst in Vergessenheit. Es sollte fast ein halbes Jahrhundert ins Land ziehen, bis Max Winter in den 1980er Jahren wiederentdeckt wurde. Und zwar als „Pionier und Meister der Sozialreportage“.,
Als Dreijähriger war Max mit seiner Familie aus Tárnok bei Budapest nach Wien gekommen. Er absolvierte eine Kaufmannslehre, brach seine Studien der Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie jedoch ab. Als 20jähriger kam er zur eben gegründeten Tageszeitung „Neues Wiener Journal“. Und 1895 als Gerichtsreporter zu der von Victor Adler geführten „Arbeite-Zeitung“, dem Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs.
Mehr als 1.500 Reportagen
Seine Erfahrung als Gerichtsreporter habe ihn geprägt, heißt es im „Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie“, „sein lebenslanges Bemühen um Stichhaltigkeit in der Beweisführung und Überprüfbarkeit der Fakten sollte ihn entscheidend beeinflussen.“ Mehr als 1.500 Reportagen konnte er auf dieser Basis bis zu seiner Exilierung 1934 beitragen.
Drei Bedingungen listete Winter als wesentlich für sein Verständnis von Journalismus auf: ausreichend Platz für die Reportage, genügend Zeit für die ausführliche Recherche und dazu den „Mut zur auffälligen Aufmachung der Vorkommnisse“. Seinen Berufskollegen und -kolleginnen empfahl er: „Nie etwas besser wissen wollen, erst sich belehren lassen durch das Geschaute und Erfragte, Beobachtete und Nachgelesene, dann aber ein eigenes Urteil bilden.“
Beim „Bodensatz der Großstadt“
Wie das in die Tat umzusetzen war, zeigte er etwa in seiner in drei Folgen veröffentlichten Reportage über „Leopoldstädter Nächte“ im September 1903. Wer die „Geheimnisse der Großstadt“ erforschen wolle, müsse „den Bodensatz der Großstadt durchwaten“ – „seine Ablagerungsstätte ist die Gegend um den Praterstern“; einige „seiner Elemente sind: der Strizzi und die geheime Prostituierte, die Hasardeure und Falschspieler, einige auf niederster Stufe stehende Arbeiter und etliche, zu bloßen Trinkgeldmenschen herabgesunkene Marqueure, Einspänner, Fiaker“.
Nach und nach lernen wir so das „Tschecherl, ein kleines Kaffeehaus in der Franzensbrückenstraße“, später „a feine Familie“ („der ane Bua macht’n Zünder, der andere is Konfident und der Herr Vater Kiewerer“) und schließlich neben dem „Grazer Pepi“ auch den „Brigittenauer-Rudl“ kennen, „einen unserer Freunde aus dem Café“.

Der Tätigkeitsbereich des „Brigittenauer-Rudl“ sei die „Gegend um den Praterstern“. Rudls Geschäftsmodell beschreibt Winter nach eingehender Beobachtung wie folgt: „Er flaniert durch die Straßen, nach Beute spähend. Ist er auf dem Plan, dann wird es in den Gassen still. Mit dem Brigittenauer-Rudl bindet keiner gern an. Das ist eben sein Gewerbe: anzubinden. Sieht er wo eine Dirne mit einem schwächeren Strizzi, dann ist er hinterher, bis die Dirne in der Lage ist, ihrem Schützer den Verdienst zu ‚reiben‘. In dem Moment tritt der Rudl auf den Plan. Er ‚packelt‘ den schwächeren Strizzi ab und nimmt ihm zuerst seine ‚Frau‘ und dann dieser das Geld weg. Hat er seinen ‚Schab‘, dann mag die Dirne wieder ihrem Strizzi nachlaufen.“
Ein „Günter Wallraff der Monarchie“
Dass Winters Methode entspricht sowohl dem heute geläufigen Attribut der „teilnehmenden Beobachtung“ als auch dem der „Undercover-Recherche“. In einer „Das Rendezvous“ überschriebenen Passage legt er das offen: „Nahe an Mitternacht“ nähert er sich „dem Kaffeehaus, das mir mein Führer als Zusammenkunftsort bezeichnet hat. Automatenmusik und heller Stimmenlärm dringt auf die Straße. (…) An dem Billard vorbei komme ich zu dem linken Fenstertisch, an dem mein Führer, der ‚weiße Karl‘ sitzt. (…) Wir führen die vereinbarte Komödie auf, um die anderen nicht stutzig zu machen. ‚Serwas, Karl!‘, begrüße ich ihn. Er starrt mich eine Weile an, dann erst leuchtet Erkennen aus seinen Augen. ‚Serwas, Ferdl … ja was machst denn du da?‘ (…) ‚Setz di zubi, d’rzähl was …‘ So werde ich unauffällig in den Kreis eingeführt.“ Im Fortgang durchwatet der Held dann eben den „Schlamm“ und stellt dabei fest: „Es ist keine angenehme, oft recht unappetitliche Aufgabe.“
Zu Fuß durch den Böhmerwald
Mitunter wird Winter heute gar als „Günter Wallraff der k.u.k. Monarchie“ bezeichnet, weil er sich etwa als Bettler verkleidet auf der Straße verhaften hat lassen, um anschließend über die Zustände im Polizeigefängnis berichten zu können. Oder sich unter falschem Namen in ein Obdachlosenheim eingeschlichen hat: „In der Blattgasse unter den Weißgärbern stehen wir – 300 Männer, Burschen und Greise, in qualvoller Enge aneinandergepreßt, einer dem anderen unsere Lebenswärme mittheilend, ein Haufen dunstender Leiber, und warten auf Einlaß in das Asyl für Obdachlose. Obdach für die nächste Nacht, das ist unser Gedanke. Die erste Reihe steht hart am Trottoir, wir Rückwärtigen stehen auf der feuchtkalten Straße. Ich hatte Elendsmaskerade angelegt und mochte ganz stilgerecht aussehen. In den Füßen friere ich; doch das Gesicht glüht. Der Geruch des Elends umfängt uns. Mir verschlägt das Gemisch von Fuseldunst, Schweißgeruch und der Ausdünstung alter Wäsche und Kleider eine Weile den Athem.“ (Arbeiter-Zeitung, 25.12.1898)
Nicht selten verlässt er für seine Recherchen auch die Stadt. So fährt er etwa in die Industriegebiete Böhmens, um inkognito bei schlesischen Webern zu recherchieren. Und er begibt sich – zu Fuß! – in den Böhmerwald, um dort für eine schließlich acht Teile umfassende Reportage zu recherchieren. Der Titel: „Die Blutsauger des Böhmerwaldes – Bilder aus dem Leben der Holzknechte“.

Im Ersten Weltkrieg positioniert sich Winter innerhalb seiner Partei entschieden als Kriegsgegner. Er reist ins zerstörte Galizien und dokumentiert den unmenschlichen Kriegsalltag in einem zweibändigen Werk „Der österreichisch-ungarische Krieg in Feldpostbriefen“. In Wien schreibt er über die hier gestrandeten Kriegsflüchtlinge und über das Elend der an Typhus, Cholera und Tuberkulose Erkrankten und die unwürdigen Bedingungen ihres Vegetierens. Folgerichtig engagiert er sich zunehmend auch in der Politik.
Acht Jahre lang, bis 1919, sitzt Winter für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs im Reichsrat und in der Provisorischen Nationalversammlung. Gleich nach dem Krieg lässt er sich in den Wiener Gemeinderat wählen und wird schließlich einer von drei Vizebürgermeistern. Außerdem engagiert sich Winter bei den Kinderfreunden. Die wurden 1908 als regionale Vereine gegründet; er fasst sie 1917 in einem landesweiten Reichsverein zusammen und fungiert bis 1930 als dessen Obmann.
Kinderheim im Schloss Schönbrunn
Bei erstbester Gelegenheit requiriert er im August 1919 Räumlichkeiten im Schloss Schönbrunn, wo er gleich im Herbst die „Schönbrunner Erziehungsschule“ sowie ein Kinderheim einrichten lässt. 1926 gründet er in seiner Funktion als Präsident der Sozialistischen Erziehungs-Internationale österreichweit Bibliotheken für Kinder. Um diese einzurichten und ihren Betrieb zu ermöglichen, sammelt er engagiert Spenden.

1923 konzipiert Winter unter dem Dach der Arbeiter-Zeitung eine eigene Frauenzeitschrift, „Die Unzufriedene“. Das Blatt ist erfolgreich und wird als zentrales Frauenorgan der sozialdemokratischen Bewegung bis Februar 1934 weitergeführt. Das Verbot der Partei und die Errichtung der autoritären Diktatur erlebte Winter dann schon aus der Distanz: Am Tag nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands im Februar 1934 verließ er Wien in Richtung USA.
Wandzeitung als Kunstprojekt
Winters Doppelrolle als Journalist und Politiker „war nicht spannungsfrei“, schreibt der Historiker Fritz Kallinger in einem Text, den er für die „Wandzeitung“ verfasst hat, ein Kunst- und Diskursprojekt, das vom Künstlerkollektiv Steinbrenner/Dempf & Huber an der Ecke Rotensterngasse/Glockengasse in den Schaufenstern ihres Ateliers ausgestellt wird (noch bis 26. März).
Unter dem Titel „Hinsehen. Von Max Winters Sozialreportage zur künstlerischen Demontage fotografischer Objektivität“, arbeitet Kallinger dabei den Kern von Winters Werk heraus: „Sein Journalismus war parteilich geprägt. Wahrheit verstand er als etwas, das sich auch im Einsatz für soziale Gerechtigkeit bewähren muss. Journalismus und Politik erscheinen daher nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Formen gesellschaftlicher Intervention. Gerade diese Haltung macht sein Werk bis heute relevant und zugleich angreifbar, da sie die Frage aufwirft, wie weit journalistisches Engagement gehen darf. Max Winter beantwortete sie pragmatisch: indem er schrieb – und handelte.“

Kallinger selbst ist im zweiten Bezirk aufgewachsen. Er verbrachte Kindheit und Jugend am und um den damals aus Gewohnheit von vielen Anwohnern so genannten Sterneckplatz . im Stuwerviertel.
Schon 1949 wurde der Platz allerdings Max Winter gewidmet und entsprechend umbenannt. Ein bescheidenes Denkmal ist, hart an den Rand des Parks platziert, leicht zu übersehen: ein aus drei Teilen zusammengefügter Steinquader, darin als Relief eingemeißelt Max Winters Kopf in Profilansicht. Der Text denkbar karg: „Max Winter“. Darunter links: „1870“. Und rechts: „1937“. Kein Bindestrich. Und kein Wort zu viel.
Ein Laufhaus namens „Max Winter“
Vor zwei Jahrzehnten noch war die Gegend von Rotlichtlokalen, dem Straßenstrich und dem daraus resultierenden Autoverkehr im Schritttempo geprägt und litt einen entsprechenden Ruf. Seit Anfang der 2010er aber schreitet die Gentrifizierung – gemächlich, aber doch – unübersehbar voran. Dachgeschoßbauten, Sanierungsprojekte und Lastenräder zeugen vom Trend hin zu einkommensstärkeren Bevölkerungsgruppen.
Wer wissen will, was Google von Max Winter hält, tippt eben diese beiden Worte in die Suchmaske. Und erhält gleich nach dem Wikipedia-Eintrag den bestplatzierten Hinweis auf ein „Laufhaus Apartments Max Winter“ – ein in der Gegend operierendes Rotlicht-Lokal, das sich den nicht geschützten Namen als URL gekrallt hat.
Link: diewandzeitung.wordpress.com
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Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







