60 Jahre lang fuhr die Wiener Straßenbahn durch den Prater bis zum Lusthaus und zur Galopprennbahn Freudenau. Dann war sie den Autos im Weg.
Text: Bernhard Odehnal
Der Dschungelexpress zum Anhören:


„Der Wagen hielt vor dem Rennplatz. Ein dumpfes Brausen schlug mir entgegen. Wie ein Meer scholl es dumpf und hohl hinter den abgestuften Tribünen, ohne dass ich die bewegte Menge sah…Ein Rennen musste gerade in Gang sein…“So erlebt der Held in Stefan Zweigs Novelle „Phantastische Nacht“ im Sommer 1913 ein Pferderennen in der Freudenau.
Bis zu 40.000 Besucher
Die Galopprennbahn im Prater war damals eine der größten in Europa und das weitaus beliebteste Sportereignis der Stadt. Bis zu 40.000 Menschen aus allen sozialen Schichten besuchten damals das Derby. Die große Mehrheit der Besucher reiste mit der Straßenbahn an. Und zwar bis fast vor die pittoreske „Hof-Tribüne“ am Rande der Rennbahn.
Die Galopprennen in der Freudenau waren nämlich so populär, dass die Gemeinde Wien 1908 beschloss, eine eigene Straßenbahnlinie von der Rotundenbrücke weg entlang des Donaukanals bis zur Rennbahn zu bauen. Mitfinanziert wurde der Tramway-Bau vom „Jockey-Club für Oesterreich“. Der war schließlich am meisten an den Besuchen der Renntage interessiert. 1909 wurde die Strecke eröffnet.
Sonderzüge aus ganz Wien
Damit der An- und Abtransport tausender Liebhaber und Liebhaberinnen des Pferderennsports klaglos funktionierte, wurde auf dem Platz außerhalb der Tribünen eine riesige Abstellanlage mit acht Gleisen für die Straßenbahn-Züge gebaut. Auf alten Fotos ist zu sehen, dass die Anlage einem Verschubbahnhof für Güterzüge glich. An Renntagen wurden hierher Sonderzüge aus ganz Wien geführt. Man konnte also auch aus dem noblen Hietzing mit der Tramway in die Freudenau fahren. Ohne umzusteigen.

Neben der Straßenbahn gab es noch eine eigene Haltestelle der richtigen Eisenbahn. Dafür hatte man schon in den 1880er Jahren von der Ostbahn eine Abzweigung in die Freudenau gebaut. Sie wurde aber nur bis in die Zwischenkriegszeit befahren. Der Bahndamm ist heute noch zu sehen.
Linie 80 zum Lusthaus
Die Straßenbahn hingegen existierte deutlich länger. Sie brachte ihre Fahrgäste nicht nur zum Pferderennen, sondern über eine Abzweigung in den Praterauen direkt zum Lusthaus. Dort, wo heute die Buslinie 77A wendet, lagen früher die Schleifengleise der Straßenbahnlinie 80.
Weil sie von hier bis zum Donaukanalufer durch den dichten Auwald fuhr, bekam sie den Spitznamen „Dschungelexpress“. Wobei das nicht einmal ironisch gemeint war: Entlang des Kanals war die Straßenbahn auf eigenem Gleiskörper und von Autos ungehindert sehr flott unterwegs. Die Straßenbahn meisterte auch kleinere und größere Hindernisse, etwa als beim großen Hochwasser im Sommer 1954 das Wasser unter der Ostbahnbrücke die Gleise des 80ers überfluteten.

Es war dann aber der Autoverkehr, welcher der Straßenbahn den Todesstoß versetzte. Die Wiener Verkehrsplaner wollten die Autobahn aus dem Osten möglichst weit in die Stadt hinein verlängern. Deshalb mussten die Gleise der Straßenbahn einer dreispurigen Straße weichen. Die letzte Fahrt der Linie 80 im August 1969 ist auf einem Video des Filmarchivs Austria verewigt.
Außer Fotos und Filme erinnert heute freilich kaum noch etwas an den Dschungelexpress. Der einstige Abstellbahnhof Freudenau ist heute eine Wiese, auf der Pferde grasen. Nur ein paar verrostete Oberleitungsmasten blieben stehen. An der einstigen Trasse durch den Wald liegen heute Schrebergarten-Siedlungen und ein Katzenheim. Die Straße dorthin trägt den Namen „Prater 80er Linie“.

Pferderennen finden in der Freudenau schon seit 20 Jahren nicht mehr statt. Die Rennbahn und die historischen Tribünen gehören dem Bund und sind von einer privaten Management-Firma langfristig gepachtet. Sie bietet auf ihrer Webseite den überdachten Teil der Anlage für Events an sowie den Freibereich für „Open-Air-Veranstaltungen mit Platz für ca. 15.000 Besuchern“. Genutzt wird dieses Angebot freilich kaum.
Neue Strecke durch den Prater
Die Zukunft der Freudenau als Galopprennbahn ist ungewiss. Der „Dschungelexpress“ erlebt jedoch demnächst seine Wiedergeburt, wenn auch nicht am selben Ort: Ab Herbst 2026 wird die verlängerte Straßenbahn-Linie 18 von der Schlachthausbrücke aus bis zum Handelskai fahren – quer durch den grünen Prater.
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Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.







Danke für den interessanten Bericht!
Zum ÖPNV im Prater eine Anekdote: Mit einer Freundin aus Deutschland gehe ich den Stadtwanderweg 9 im Prater. Nach dem Unterqueren der Tangente warten wir vor dem Überqueren der Straße nach der Wasserwiese, dass der 77A vorbeifährt. Mein Freundin amüsiert sich über den Namen der Endstation: „Lusthaus“. „Da kommen wir heute noch vorbei“, sage ich verheißungsvoll, und will dann über die Straße gehen. Da hält sie mich zurück, weil ich den Bus aus der Gegenrichtung kommend übersehen hatte. Sie starrt auf die Endstation des offenbar kurzgeführten 77A. „Schlachthaus“. Wien in a nutshell 🙂 .