Der Georgier Gio Tsikhelashvili hat am Sachsenplatz eine heruntergekommene Backstube aufgemöbelt. Hier gibt es neben österreichischen Mehlspeisen auch die traditionellen Speisen des Kaukasus.
Text: Bernhard Odehnal

Eine weiße Stahltür geht auf und Georgi steigt aus dem Halbstock hinauf ins Geschäft. Zwei Teller hat er in den Händen. Auf einem dampft eine Flade aus Hefeteig, mit Käse gefüllt: Khachapuri. Auf dem anderen eine Flade mit einer Füllung aus zermantschten Bohnen: Lobiani.
Heiß auf den Teller
Seine Frau Tatia schneidet die runden Fladen in vier Stücke und serviert sie. „Sie müssen heiß gegessen werden“, sagt sie, „sonst schmecken es nicht so gut“.
Georgi – Gio – Tsikhelashvili kam Anfang der 1990er Jahre als Kind mit seinen Eltern aus dem krisengeschüttelten Georgien nach Österreich: „Es war Krieg und Krise, wir hatten nichts mehr“, erinnert er sich. Er hatte Jus studiert, aber das zählte in Wien nicht. Und so begann er, in Backstuben zu arbeiten und das Handwerk des Bäckers zu erlernen. Erst bei Prindl am Gaußplatz, später bei Geier.
In Wien lernte er seine spätere Frau Tatia kennen, ihre Familie kommt aus dem Süden Georgiens. Dort wächst der Wein, der in die ganze Welt exportiert wird. Die Tochter Nino wurde hier geboren. Auch sie arbeitet heute im Geschäft der Familie.

Georgi wollte immer schon eine eigene Bäckerei haben, „das war Vaters Traum“, sagt Nino. Vor einiger Zeit fand er dann den Laden am Sachsenplatz. Die iranischen Vorbesitzer hatten ihn ziemlich vernachlässigt. Georgi zeigt Fotos: „Da war Schimmel in der Backstube. Ich musste fast alles neu machen.“ Ein Jahr lang arbeitete er, meist alleine. Er schlug den Verputz von den Wänden, malte aus, stellte neue Geräte auf. Es war anstrengend, „es war immerhin mein eigenes Geschäft“.
Khachapuri, Lobiani und Khlovana
Seit Anfang Dezember ist „Gio’s“ nun geöffnet. Von Montag bis Freitag von 7 bis 20 Uhr, am Sonntag bis 18 Uhr. Unten, im Souterrain, bäckt Georgi in der Nacht österreichische Mehlspeisen wie Apfelstrudel oder Zimtschnecken und danach das traditionelle georgische Brot „Shoti“. Oben, im Geschäft, stehen Tatia und Nino hinter der Budel.
Auf der Theke liegen in einer Käseglocke kleine Stücke Khachapuri, Lobiani und das mit Spinat gefüllte Khlovana zur Verkostung. So möchte die Familie Tsikhelashvili ihre österreichischen Kundinnen und Kunden sanft an die georgische Küche heranführen.
Walnüsse mit dickem Traubensaft
Daneben liegt auf einem Teller Tschurtschchela, eine typische georgische Süßigkeit: Walnüsse, mit einer Schicht eingedicktem Traubensaft überzogen. „Früher haben das die Männer in den Krieg mitgenommen“, erklärt Tatia: „Es ist leicht zu transportieren, aber sehr nahrhaft und gibt Energie.“
Gegenüber der Budel stehen in einem Holzregal traditionelle georgische Saucen. Im Kühlschrank daneben liegen Flaschen mit georgischem Bier. Georgische Fruchtsäfte gibt es in vier verschiedenen Farben: Rot, Dunkelgelb, Hellgelb und giftiges Grün. Die Etiketten erklären die Früchte: Trauben, Birne, Guave und – Estragon.

Ja, bestätigt Tatia den etwas skeptisch schauenden Gästen: Auch aus Estragon könne man Saft machen. Sie schenkt zur Verkostung ein. Das giftgrüne Wasser schmeckt – ungewohnt. Und generell sind alle Säfte sehr, sehr süß.
„Viel süßer und viel salziger”
Das Übermaß sei ein Merkmal der georgischen Küche, erklärt Tatia: „Die Süßspeisen sind viel süßer als in Wien und die salzigen Speisen viel salziger.“ Sie selbst habe sich aber mittlerweile aber eher an dem österreichischen Geschmack angepasst, sagt die Frau des Bäckers: Das Khachapuri in Georgien sei ihr „viel zu salzig“.
Gio’s Bäckerei: 1200, Sachsenplatz 7
Geöffnet: Mo – Sa 9 bis 20 Uhr, So 9 bis 18 Uhr
Telefon: 01 252 89 94
https://www.instagram.com/gios_baeckerei/
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Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.




