Im Theater Delphin in der Leopoldstadt stehen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf der Bühne. Die neue Produktion führt durchs Grätzl – mit Kaiserin Sisi, Anime-Figuren und dem griechischen Gott Dionysos.
Text: Naz Küçüktekin

„Der ist hässlich“, sagt Sinah Stamberg, und legt das Foto des Mannes zurück auf den Tisch. „Der ist hässlich“, wiederholt sie beim nächsten Kandidaten. Beim dritten wird sie deutlicher: „Der ist hässlich und fett.“
Menschen und Halbgötter
Probe im „Theater Delphin”, in einem unscheinbaren Erdgeschoss-Lokal in der Blumauergasse in der Leopoldstadt. Die Figur, die Sinah hier auf der Bühne an einem Tisch sitzend hier zur Übung belebt, wird später dennoch ihren passenden Partner finden – einen, den sie sogar heiraten will. Allerdings nicht ohne Turbulenzen. Und nicht ohne einen Besuch des Halbgottes Dionysos.
Was hier noch wie ein spielerisches Ausprobieren wirkt, ist Teil der aktuellen Produktion „Lasset die Spiele beginnen“. In dem Stück, dem zweiten des hauseigenen Schauspiel-Lehrgangs, treffen unter anderem japanische Anime-Figuren auf ein verliebtes Brautpaar und Kaiserin Sisi auf eine bunte Zirkustruppe. Sie alle bekommen Besuch von Dionysos. Aus Anlass der dionysischen Feste bittet der griechische Gott zu Tisch und schickt seine Gehilfinnen aus, um die richtigen „Menschlein“ zu ihm zu bringen.
Premiere am 25. Februar
„Super, Sinah“, sagt Regisseurin Gabriele Weber zu der Darstellerin mit Down-Syndrom. „Nur bei der einen Stelle – du weißt – ein bisschen betonter.“ Rund eine Woche bleibt noch bis zur Premiere. Zeit zum Feinschliff, zum Wiederholen, zum Üben.
Doch das Stück bleibt nicht auf der Bühne. Angelegt als biografisches Theater führt die Inszenierung vom Theater Delphin, wo es buchstäblich auch ein griechisches Fest samt Speis und Trank gibt, aus zu fünf verschiedenen Stationen im Grätzl rund um die Blumauergasse in der Leopoldstadt.
Die Premiere ist am 25. Februar, weitere Vorstellungen finden am 26., 27. und 28. Februar 2026 jeweils ab 18 Uhr statt (Tickets gibt es hier zu kaufen).

Dass hier mit solcher Selbstverständlichkeit gespielt wird, ist kein Zufall. Die Idee zum Theater entstand vor rund 26 Jahren aus einer persönlichen Notwendigkeit. „Ich wollte mit meinem schwerbehinderten Sohn, der sehr gut auf Musik und Bewegung angesprochen hat, einfach gemeinsam etwas machen“, erklärt Weber die Anfänge als „Mutter, die etwas für ihren Sohn tun wollte“.
Plädoyer für inklusives Theater
Aus ersten Improvisationen wurden bald eigene Stücke – und schließlich ein ganzes Theater, das heute als Anlaufstelle für schauspielinteressierte Menschen mit Behinderung gilt. Von Anfang an sei hier klar gewesen, dass alle zusammen auf der Bühne stehen und spielen.
Auch wenn die Stücke vielleicht etwas „spezieller“ seien, seien sie genauso anspruchsvoll. „Inklusives Theater wird oft nicht ernst genommen. Aber wir haben auch schon literarische Produktionen wie ‚Ein Winternachtsraum‘ gemacht“, erklärt Weber. „Und wir haben wirklich wunderbare Schauspieler und Schauspielerinnen.“
Als Sisi auf der Bühne
Eine von ihnen: Angela Wirnsberger, Rollstuhlfahrerin, ist seit 2011 beim Theater Delphin mit dabei. „Mir riet eine Freundin, es einmal auszuprobieren. Ich hatte damals eine schwierige Zeit und brauchte etwas, das mir Spaß macht“, erzählt sie. Das Schauspielen helfe ihr dabei, Emotionen zu zeigen. In „Lasset die Spiele beginnen“ verkörpert sie Kaiserin Sisi. „Sogar eine Perücke werde ich dafür tragen“, sagt sie und lacht. Vorbereitet habe sie sich, indem sie Sisis Tagebücher gelesen habe. „Auch sie hat gewissermaßen in einem Käfig gelebt“, zieht sie Parallelen zwischen sich und der berühmten Kaiserin.
Seit mehr als 20 Jahren steht auch Judith Czerny, die eine körperliche Behinderung hat, auf der Bühne des Hauses. In der aktuellen Produktion spielt sie eine Zirkustreiberin. „Nervös? Nein, bin ich nicht“, sagt sie, während Sinah Stember noch ihre Szene zu Ende spricht und bevor es heißt: Lasset die Spiele beginnen.
Für Schauspiel-Interessierte bietet das Theater Delphin Schnuppertermine an, jeden Donnerstag ab 16.30 Uhr.
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Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.






