Ein alternatives „Ministerium“ bietet Ausstellungen, Konzerte, Performances oder Workshops an einem unerwarteten Ort: Einem Kellerlokal am Allerheiligenplatz.
Text: Naz Küçüktekin

Am Allerheiligenplatz 15, im Souterrain eines Wohnhauses in der Brigittenau, liegt ein Raum, der sich nicht sofort einordnen lässt. Großformatige Bilder hängen an den Wänden, ein Teppich lässt sich als Bühne nutzen, dazwischen viel Leere. Es ist ein Raum, der offen wirkt, nicht festgelegt, sondern veränderbar. Doris Dittrich steht zwischen den Arbeiten und sagt: „Wir nennen es Kunstwohnzimmer.“
Gegenentwurf zu Galerien
Die Idee dafür hatten Dittrich und ihr Partner Bruno Joly schon lange: ein Ort für Kunstschaffende, offen und niederschwellig. Ein Ort, der unterschiedliche künstlerische Richtungen zusammenbringt. „Klassische Galerien gibt es viele, aber sie sind oft elitär“, sagen sie. Die Ministry of Artists, also das „Ministerium der Künstler:innen“, sollte ein Gegenentwurf dazu sein und eine Lücke in der Wiener Kunstszene schließen.
Umgesetzt wurde die Idee aber erst während der Corona-Pandemie. „Das war die Zeit, um alles vorzubereiten“, sagt Dittrich. Davor hatten beide wenig Spielraum: Sie ist seit 15 Jahren freischaffende Bildhauerin, Grafikerin und Malerin, er arbeitet als Fotograf, Grafikdesigner und Eventmanager. Ihr Alltag ist geprägt von Projekten, Ausstellungen und Reisen, oft eng getaktet, mit wenig Zeit für eigene Vorhaben. Die Corona-Pandemie stoppte diesen Takt und ermöglichte es den beiden gewissermaßen, sich auf ihre Vision zu konzentrieren.

Der passende Raum dafür war schnell gefunden. Über „Kreative Räume Wien“, einen Verein, der leerstehende Flächen vermittelt, stießen sie auf das Lokal am Allerheiligenplatz. Die Brigittenau war dabei von Anfang an ihr Wunschbezirk. Sie wollten ein Kunstangebot dorthin bringen, wo sich nicht schon eine Galerie an die nächste reiht. „Es gibt mehr Künstler hier, als man denkt“, sagen sie heute. Auch mit anderen Kunsträumen im Bezirk stehen sie im Austausch.
Ein Mix aus allem
Nach umfassenden Renovierungen, die Dittrich und Joly selbst vornahmen, eröffnete im November 2022 die Ministry of Artists. Seither haben rund 120 Künstler:innen aus über 20 Ländern hier gearbeitet. Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Performances und Workshops finden nebeneinander statt. So finden sich im Kalender des Vereins neben einem Tango-Festival auch ein Schulprojekt der Lernwerkstatt Brigittenau oder Comedy-Abende. „Es ist eine Spielwiese“, sagt Joly. „Wir wollen möglichst viel mischen“, ergänzt Dittrich. Verschiedene Disziplinen zusammenbringen, unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen – das ist ihr Ansatz.
Finanziert wird das Projekt durch Förderungen, Spenden, Vermietungen und Kunstverkäufe. Dass die Künstler:innen hier fair bezahlt werden, ist Dittrich und Joly besonders wichtig. Die Koordination und Organisation des Ganzen machen die beiden dafür derzeit noch großteils ehrenamtlich. „Wir lieben die Herausforderung“, sagt Dittrich mit einem Lächeln.
Erste Begegnung mit Kunst
Vielleicht ist der Raum auch deshalb nicht nur für fertige Arbeiten gedacht. In Workshops können Besucher:innen selbst mit Materialien und Techniken arbeiten. Es gehe darum, nachvollziehbar zu machen, wie Kunst entsteht, und Hemmschwellen abzubauen. „Bei uns kann man auch jederzeit reinkommen“, betont Dittrich. Auch so habe man es geschafft, eine Community aufzubauen. „Zu uns kommen mittlerweile auch regelmäßig Menschen, die vorher gar nichts mit Kunst zu tun hatten“, sagt Dittrich.
Denn was die Ministry of Artists vor allem sein will: ein Ort, der allen offensteht – egal ob Kunstafficionado oder einfach neugierige:r Anrainer:in.
https://ministryofartists.com/de/
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.






