Kashif Ali, 39, stammt aus Pakistan und führt den „Ranastore – Internationaler Supermarkt“ beim Praterstern. Nun plant er Größeres in den Emiraten.

Seit fünf Jahren betreibe ich mein Geschäft im Grunde als One-Man-Show. An der Kassa habe ich Hilfe, darum kümmern sich zwei Halbtagsangestellte. Kim aus Vietnam ist am Vormittag da. Und Suman aus Indien macht den Nachmittag.
Für alles andere, für das komplette back office inklusive Budgetierung, Einkauf, Grafik-Design und Marketing bin ich zuständig. Ich betreue die diversen Kanäle auf Social Media und kümmere mich um die Auslieferung größerer Bestellungen. Sechs Tage die Woche bin ich im Geschäft.
Aus dem Punjab ins Waldviertel
Gegründet hat den „International Supermarkt Ranastore“ mein Vater, Riasat Ali. Unsere Familie stammt aus Pakistan, aus dem Punjab, der Grenzregion zu Indien. Dort, in Gujranwala, einer großen Stadt im Nordosten der Provinz, wurde ich 1986 geboren. 1992 sind wir nach Österreich gekommen, ins Waldviertel.
Seit 1998 leben wir in Wien. Zwei meiner drei Brüder haben sich inzwischen in Dubai niedergelassen. Der dritte Bruder und die Schwester sind noch in Wien. Ich lebe mit den Eltern, meiner Frau und unseren beiden Söhnen im 12. Bezirk in einem Gemeindebau.

Mein Vater war streng mit uns. Da wir anfangs kein Deutsch konnten, mussten wir die Grammatik auswendig lernen. Deklinationen kann ich heute noch im Schlaf. Das war hart, aber dafür beherrsche ich die Sprache fehlerfrei. Nachdem ich mit Auszeichnung maturiert hatte, aber sonst orientierungslos war, hat er mich nach meiner Zeit beim Bundesheer 2007 ins Geschäft geholt.
Damals gehörte ihm noch das „Orientalhaus“ am Neubaugürtel. Bei meiner Hochzeit 2008 in Pakistan hat er dann überraschend erzählt, dass er sich im zweiten Bezirk ein anderes Geschäft anschauen wolle. Kurz darauf wurde der Vertrag unterschrieben. Und seither sind wir auf der Heinestraße tätig.
Safran und Saucen
Spezialisiert ist der Laden heute auf die indische und damit defakto auch auf die pakistanische Küche. Es gibt also viele Sorten Reis, mehr als 160 Gewürze und Gewürzmischungen, diverse Bohnensorten, Linsen, Snacks, eingelegte Sachen und tiefgekühlten Fisch. Dazu kommt ein Touch Thai, Afrikanisches, Orientalisches.
Die Gewürze sind ja für alle Küchen ähnlich, mit unserer großen Vielfalt decken wir die Nachfrage gut ab. Speziell sind nur jeweils ein paar Gemüsesorten, Okra oder Foul-Bohnen zum Beispiel, Trockenfrüchte, Safran aus Afghanistan. Oder die diversen Saucen aus der südostasiatischen Küche. Täglich frisch im Angebot sind auch die Samosas, die gefüllten Teigtaschen. Jeden Vormittag bekommen wir 100 Stück geliefert. Am Nachmittag sind die alle weg. Unsere Produktpalette kann sich also sehen lassen und ist im Wesentlichen auch nicht mehr sinnvoll erweiterbar.
Türkische Konkurrenz
Leider haben uns die Großfamilien als Kunden nach und nach verlassen. Wenn jemand seinen Einkauf mit einem 20-Kilo-Sack Reis beginnt, dann will der auch unmittelbar vor der Tür parken. Das geht bei uns leider nicht mehr. Im 22. Bezirk gibt es neue Supermärkte, da fährt man in die Garage.
Ein harter Schlag für mich war vor ein paar Jahren das Wegfallen des GLS-Paketdienstes. Das war ein wichtiger Umsatzträger. Ich hatte in der besten Zeit zwölf Fahrzeuge alleine dafür laufen. Eines Tages musste ich zur Kenntnis nehmen, dass ein türkischer Unternehmer GLS angeboten hat, das Geschäft fast zum halben Preis zu machen. Das folgende abrupte Ende war finanziell gesehen eine sehr schwere Probe für mich.

Mittlerweile hat sich die Lage stabilisiert. Aber größeres Wachstum ist ohne große Investionen nicht mehr möglich. Zumal ich auch weiterhin ohne Bankkredite arbeiten will. Dazu kommt, dass die Gastronomie mit ihrer Zahlungsmoral immer unberechenbarer wird. Demnächst will ich mich nach Interessenten umschauen, die den Ranastore übernehmen und weiterführen wollen.
Zukunft im arabischen Raum?
Sobald das ins Laufen gebracht ist, werde ich für die „Falkenherz“ arbeiten, die Firmengruppe, die mein Bruder Wagas gegründet hat. Die ist heute mit Büros in Dubai, Pakistan, Indien, Abu Dhabi und Österreich vertreten.
Ich will die nächsten Jahre nutzen, um mit meiner Expertise die Retail-Vision meines Bruders – ein solides Supermarkt-Geschäft in den Emiraten – umzusetzen. In nicht allzu ferner Zukunft würde ich aber gerne wieder zurückkommen, um mich dann in Österreich unternehmerisch gestärkt von Neuem zu engagieren. Wir werden sehen, wie sich all das entwickelt.
Schlechtes Klima am Schöpfwerk
Wie lange ich noch in Wien leben will, weiß ich nicht. Ich habe in meiner Jugend nie Probleme mit Rassismus gehabt. Hier ihm Geschäft merke ich zwar manchmal, dass die Leute durch die Auslage schauen und sich abwenden und nicht reinkommen, wenn sie mich da mit meinem Bart sehen. Manchmal gehe ich dann raus und spreche die Menschen an. Das hilft, ein Ausländer, der so ein reines Deutsch spricht, ist offenbar vertrauenswürdig. Damit kann ich also gut umgehen.
Was mich aber zunehmend stört, ist das Klima in den größeren Wiener Wohnkomplexen. Speziell bei uns am Schöpfwerk brennt fast jede zweite Woche irgendetwas. Mal sind es die Mistkübel. Dann die Kinderspielgeräte. Manchmal ist es wie im Ghetto. Ich bin glücklich und sicher hier aufgewachsen. Aber ich vermisse diese Sicherheit für meine Kinder.
Sehnsucht nach dem Landleben
Ich möchte später jedenfalls wieder am Land leben. Da sind die Leute besser drauf. Und man kennt sich. Der Umgang ist persönlicher. Das entspricht mir auch mehr als die Anonymität in der Stadt.
Ich habe von meinem Vater ja gelernt, dass man dem Kunden immer ein kleines bisschen mehr geben soll, als er eingekauft hat. Dass man Ware zurücknimmt, wenn sie ihm nicht gefällt oder nicht schmeckt. Das kommt zwar nicht oft vor. Bei 200 Kunden vielleicht einmal. Aber es macht eben einen wichtigen Unterschied im Umgang miteinander. Bei mir ist der Kunde eben fast ein König.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Link: www.ranastore.at
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







