Mit Zwangsverwaltung wollte die Stadt gegen die Eigentümer von Spekulationshäusern in der Brigittenau vorgehen. Doch was wurde überhaupt getan?
Text: Bernhard Odehnal und Naz Küçüktekin, Fotos: Christopher Mavrič

„So schlimm wie jetzt war es noch nie!“ Das sagt ein Mann, der mit seinen Einkäufen vom Hannovermarkt kommt und nun im Stiegenhaus in der Othmargasse 42-44 steht. Seit sechs Jahren wohne er hier und habe schon viel erlebt, erzählt er. Aber so viele Ratten wie jetzt, sagt der Hausbewohner, „habe ich noch nie gesehen“.
Fleischreste und abgenagte Knochen
Man muss nicht lange warten, um eine Bestätigung für seine Klage zu bekommen. Mitten am Gang steht eine fette Ratte. Sie schaut den Menschen kurz an, versteckt sich dann zwischen Kinderwägen und einem Kinderfahrrad und zieht sich schließlich durch einen Mauerspalt in den Hof zurück.
Dort lebt offenbar eine ganze Rattenkolonie. Rund um das Mauerloch wurlt und raschelt es. Immer wieder späht ein Rattenkopf durch das Loch, ob der menschliche Eindringling wieder verschwunden sei. Kein Zweifel: Die Ratten sind hier zuhause.
Ein Blick in den Hof des Hauses macht sofort klar, warum sich die Tiere hier besonders wohl fühlen. Der Müll türmt sich hier hüfthoch. Über den Platz verstreut liegen Paletten und Schachteln aus einem Lebensmittelgeschäft im Haus. Dazwischen Reste von Obst und Gemüse sowie abgenagte Knochen und Fleischreste. Dazwischen laufen die Ratten. Für sie muss das hier ein Paradies sein.
Der Müll komme auch von außen, behauptet der Hausbewohner: Das Haustor sei nicht versperrbar, weshalb Menschen vom nahen Markt die Möglichkeit ausnutzten, „ihren Mist bei uns zu lagern“.
Seit Jahren in den Medien
Dass die Othmargasse 42-44 in die Reihe der „Horrorhäuser“ in der Brigittenau gehört, ist nicht neu. Bereits 2021 veröffentlichte die Gratis-Boulevardzeitung „Heute“ ein Leservideo, auf dem Ratten in Scharen aus einem Müllcontainer springen. Im März 2024 zeigte der ORF Report die Othmargasse sowie das Haus Salzachstraße 46 als Beispiele für besonders üble Wohnungsspekulation in der Brigittenau.
In beiden Häusern leben vor allem Flüchtlinge, die für verschimmelte Mini-Unterkünfte zwischen 500 und 700 Euro zahlen. Teilweise hatten sie weder warmes Wasser noch Strom in den Wohnungen. Dem Bericht folgten Kontrollen der Baupolizei und der Wiener Netze. An den Zuständen in den Häusern änderte das wenig.
Zwangsverwalter reagieren nicht
Im Juli 2024 erreichte die Gemeinde Wien, dass das Haus Salzachstraße 46 unter Zwangsverwaltung gestellt wurde. Im Februar 2025 folgte die Zwangsverwaltung für die Othmargasse 42-44. In beiden Fällen wurden die neuen Verwaltungsfirmen vom Gericht verpflichtet, auf Kosten der Hauseigentümer Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. Beide Firmen reagierten auf die Anfragen von Zwischenbrücken nicht.
Haben sich die Wohnverhältnisse der Bewohnerinnen und Bewohnern der Horrorhäuser durch die Zwangsverwaltung merklich verbessert?
Die Rattenplage in der Othmargasse gibt darauf eine klare Antwort: nein. Und auch in der Salzsachstraße sagt ein junger Mann in gebrochenem Deutsch: „Wir haben nichts bemerkt“. Zu einem längeren Gespräch ist er nicht bereit. Im Haus sind keine Veränderungen ersichtlich.
„Diverse Erhaltungsarbeiten“
In der Salzachstraße 46 seien vorrangig „grobe Mängel bzw. Gefahrenquellen beseitigt“ worden. Das stellt die „Mieterhilfe”, eine Beratungsstelle der Gemeinde Wien, vor rund drei Wochen in einer Antwort an Zwischenbrücken fest, Offen seien noch „diverse aufgetragene Erhaltungsarbeiten“. Deren Fertigstellung „könnte noch etwas dauern“. Danach werde ein Abschlussbericht vorgelegt und die Liegenschaft an die Eigentümer übergeben. Auf unsere neuerliche Anfrage hin sagt die Mieterhilfe jetzt, dass sie keine detaillierteren Auskünfte erteilen könne, „um Fortschritte in den Verfahren nicht zu gefährden”.
Aktuell sieht die Lage in der Salzachstraße so aus: Die Postkästen sind nach wie vor aufgebrochen, das Haustor kann nicht versperrt werden, im Hof liegt der Müll. Bei einem Augenschein im vergangenen Dezember lag noch eine tote Ratte neben den Mistkübeln. Immerhin: Die ist jetzt verschwunden.

Ein weiteres Problemhaus, das bisher medial jedoch keine Aufmerksamkeit erregte, steht in der Hartlgasse 20. Die Zustände dort sind aber ganz ähnlich wie in den beiden anderen Häusern: Die Postkästen sind aufgebrochen, die Lifttür ist mit Klebeband verschlossen. „Ist kaputt!!!“ steht handgeschrieben auf einem Zettel. Das Ganglicht funktioniert nicht. Auch nicht im stockdunklen Dachgeschoß. Hinter einer Tür sind Kinderstimmen zu hören. Hier wohnt also noch jemand.
Nichts wie weg hier
Im dritten Stock geht eine Tür auf. Ein älteres Ehepaar kommt heraus. Woher kommen sie? Aus der Ukraine. Sie sprechen kein Deutsch. Auf Russisch erklären sie, dass sie erst fünf Tage hier lebten. Und viel länger würden sie es hier auch nicht aushalten.
Viele Wohnungstüren stehen offen, dahinter sieht man Verwüstung. Betten und Kästen sind umgeworfen, Armaturen herausgerissen. Das sei schon lange so in diesem Haus, sagt ein Geschäftsmann auf der anderen Straßenseite. Einmal im Monat gebe es Zoff, dann komme die Polizei. Aber sonst passiere da nichts. Der Mann klingt resigniert.

Als Eigentümer des Problemhauses ist im Grundbuch die „Hartlgasse 20 Verwertungs GmbH” eingetragen. Sie wiederum gehört dem Immobilienentwickler Boris Motaev. Er taucht im Firmenbuch in zahlreichen anderen Immobilienfirmen auf. Einige sind nach wie vor aktiv, andere wurden nach kurzer Lebenszeit wieder liquidiert. Auf die per Mail geschickten Fragen von Zwischenbrücken zum Zustand des Hauses Hartlgasse 20 antwortet Motaev nicht.
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Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.







