Unbemerkt von der Öffentlichkeit schloss Mitte Dezember eine Institution der Wiener Clubszene in der Leopoldstadt. Das Erbe des umstrittenen Gastronomen Martin Ho lastet schwer auf der Location. Die Zukunft ist ungewiss.
Text: Dominik Ritter-Wurnig und Veronika Wenninger

Für Silvester wurde noch eine “special night” angekündigt. „We are ready for the new year, are you?”, steht nach wie vor auf der Webseite der Pratersauna. Daraus wurde nichts mehr.
Rund zwei Wochen davor wurde die Veranstaltung abgesagt, die Praternostra Gmbh ist am 15. Dezember aus der Location Pratersauna neben dem Wurstelprater ausgezogen. „Es ist ein Drama”, sagt Geschäftsführer Sebastian Müller-Klasz, der die Pratersauna erst Anfang 2025 übernommen hat und mit viel Engagement und unter Beifall der Szene die Wende versucht hatte.
Räumungsklage des Eigentümers
„Wir sind ausgezogen, weil eine Räumungsklage gegen unseren Vermieter anhängig ist. Ich habe die Miete immer an die RHC Invest Gmbh von Martin Ho gezahlt, aber die Miete wurde nicht richtig an die Eigentümer weitergegeben”, erklärt Müller-Klasz. RHC Invest hat die Pratersauna von der Verena Thöni Gmbh gepachtet. Die beiden Seiten sind völlig zerstritten und die Verena Thöni Gmbh begehrt als Eigentümervertreter die gerichtliche Räumung. „Das Räumungsklageverfahren kommt immer näher und ich kann einen Club nicht bewirtschaften, ohne Planungssicherheit zu haben”, sagt Müller-Klasz. Die RHC Invest hieß früher Dots Beteiligungs GmbH und gehört zu einem Teil dem bekannten und umstrittenen Gastronomen Martin Ho.
Vom Swinger-Club zur Kult-Location
Aber der Reihe nach: 1965 eröffnet, war die Pratersauna lange Jahre ein Ort für Wellness, der immer mehr Richtung Rotlichtmilieu abdriftete. 2009 wurde „die Sauna” dann zu einem Club, schnell etablierte sie sich als Ort für legendäre Partys. Der pavillionartige Bau mit 70er-Jahre-Charme in einem großen Garten mit Swimmingpool trug dazu bei, dass das Berliner Musikmagazin DeBug 2010 die Pratersauna zum zweitbesten Club weltweit erklärte. Hier wurde getanzt, gegrillt, gechillt.

Trotz hervorragendem Ruf stand die Pratersauna immer wieder vor dem Aus. 2016 übernahm Martin Ho den Club mit einem neuen Konzept und renovierte die Location. „Der Umbau damals ist schief gegangen, die Entwicklung wurde verschlafen”, sagt der DJ und Szenekenner Rudi Wrany. „Die Pläne mit Champagner-Pyramiden für Rich Kids gingen nicht auf.” Ho galt einst als Szenegastronom mit goldenem Händchen und gutem Kontakt zu Sebastian Kurz und Co, zuletzt häufen sich aber Skandalberichte und in der Szene hat Ho eine schlechte Nachrede. Unter demselben Dach der Pratersauna betreibt Ho den Mainstream-Hiphop-Club VIE i PEE, wo ein deutlich zahlungskräftigeres Publikum verkehrt.
Ein Zuhause für die „Szene”
Anfang 2025 übernahm dann der gebürtige Berliner Sebastian Müller-Klasz, der unter anderem Das Lokal im Hof in Wieden und ein Hotel in Drosendorf führt, die Pratersauna mit dem Plan, so ziemlich alles anders zu machen als Ho. “Vor allem Kollektive wollten mit vielen Clubs auch aufgrund der Techno-MeToo-Kampagne nichts mehr zu tun haben”, sagte Müller-Klasz vergangenen März zum Kurier. “Denen würde ich gerne ein Zuhause geben.”
Die ersten Monate seien schwierig gewesen, erzählt der Clubbetreiber. Das Vertrauen beim Publikum war verspielt, die Pratersauna hatte einen schlechten Ruf. Die 36.000 € Monatsmiete mussten auch erst einmal verdient werden. Seine Idee war es, die Location auch unter Tags zu bespielen, etwa mit Kinder-Raves oder einem alternativen Weihnachtsmarkt. Auf dem Dach wollte Müller-Klasz eine Saunalandschaft errichten.
Als die Eigentümervertreter mit Verweis auf eine Räumungsklage die Unterschrift verweigerten, dämmerte ihm, dass es eng werden könnte.
Ein Höhepunkt und das abrupte Ende
Müller-Klasz erhielt viel Unterstützung aus der Szene, Kollektive liehen der Pratersauna Lichtequipment und halfen beim Aufbau. Awareness, also der Fokus auf Sicherheit, Achtsamkeit und gegenseitigem Respekt war zuletzt in der Pratersauna Programm. Im Netz finden sich durchwegs positive Kommentare zum eingeschlagenen Weg. „Seit der Neuübernahme ist es wieder richtig nice. […] Ich hab kaum einen Abend erlebt, wo der Vibe ungut war- die wissen was sie tun und verdienen meinen vollsten Respekt”, schreibt etwa eine Userin bei Google Maps.
Dieser Vibeshift kumulierte am 13.Dezember und endete kurz danach abrupt: Der Abend stand für so vieles, was die neue Pratersauna sein wollte, und war gleichzeitig der letzte Aufguss. Das Kollektiv SYMBIOTIKKA aus dem legendäre Berliner KitKatClub lud zu einer Sex-Positive-Party. „Erwartet eine Nacht, in der Techno, Kink, Performance und künstlerische Freiheit ineinanderfließen – ein Raum zum Erleben, Fühlen und Fallenlassen”, hieß es in der Ankündigung. Essentiell für Veranstalter von Sex-Positive-Partys ist es, dass der Clubbetreiber ein sicheres Umfeld garantieren kann. Während die letzten Besucher*innen die Pratersauna verließen, ahnte niemand, dass der Club womöglich für immer seine Türen schloss.
Festnahme und Waffenverbot
Als die Partynacht am Sonntag zu Mittag zu Ende geht, berichteten die ersten Medien über eine vorübergehende Festnahme von Ho in seiner Wohnung in der Inneren Stadt: „Per Notruf wurde die Polizei offenbar von der Freundin (37) von Martin Ho Freitagnacht gegen 23 Uhr aus dem Schlafzimmer alarmiert. Ho habe sie mit einer (legal besessenen) Schusswaffe mit dem Umbringen bedroht und mit Gegenständen beworfen”, berichtete etwa die Kronen Zeitung.
Ho verbrachte eine Nacht in Polizeigewahrsam und wurde mit einem Waffenverbot belegt. Was genau geschah, lässt sich für die Zwischenbrücken-Redaktion nicht eruieren, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurden jedenfalls kurz danach eingestellt. In einem Statement beteuerte Ho kurz danach seine Unschuld und erklärte, die Vorwürfe seien haltlos.

Nach einem Skitag schaut Müller-Klasz erst an diesem Abend aufs Handy: „Ich hatte deshalb 790 Notifications. Einige feministische Kollektive haben dann gesagt, das war es für uns, das kotzt uns alle an.” Schließlich war Ho immer noch der Vermieter der Pratersauna und war immer wieder vor Ort.
Auch die drohende Räumungsklage und Gerüchte über einen Konkurs führten dazu, dass mehrere Kollektive, die Müller-Klasz Equipment geliehen hatten, ihren Sachen überstürzt abholten. „Ohne dieser Ton- und Lichtsachen kann ich es nicht veranstalten”, sagt Müller-Klasz. Die eigentlich als Schlusspunkt geplante Party zu Silvester musste er daraufhin absagen.
Nächste Runde vor dem Landesgericht
Zunächst sah es so aus, als wäre der Auszug der Praternostra Gmbh nicht unbedingt das Ende der Pratersauna. In einer ersten Stellungnahme zu Zwischenbrücken sagte der Pressesprecher von Martin Ho noch: „Die RHC Invest ist weiterhin Pächterin der Immobilie. Diese befindet sich gerade in Verhandlungen mit potenziellen Partnern, um neue Konzepte für die Pratersauna zu entwickeln, die einen Fortbestand ermöglichen.”
Zwei Tage später war davon keine Rede mehr und der Pressesprecher schrieb per Email: „Die Ricemoney Hospitality Group [Anmerkung: ehem. Dots Group] wird die Fläche künftig nicht mehr bespielen. Zehn Jahre nach Übernahme der „Pratersauna“ verabschiedet sich die Ricemoney Hospitality Group mit Respekt von einer langjährigen Institution der Wiener Clubkultur mit internationaler Reputation.”

Unklar bleibt allerdings, wie stark Ho zuletzt in den Betrieb der Pratersauna involviert war. „Dazu kann ich derzeit keinen Kommentar abgeben”, sagt Müller-Klasz. Denn in der Praternostra Gmbh gab es mit Tarik Emara noch einen zweiten Geschäftsführer, der auch in anderen Unternehmen die Geschäfte führt. Das Firmengeflecht von Martin Ho ist sehr unübersichtlich und teils ist unklar, welches Unternehmen, welchen Betrieb führt.
Eigentümervertreter schweigen
Wie es mit der Location in der Waldsteingartenstraße 135 weitergeht, wollten wir auch vom Eigentümervertreter, der Verena Thöni Gmbh, wissen. Die Anfrage beim Geschäftsführer und Immobilientreuhänder Markus Plech blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Eine nächste Runde gibt es aller Voraussicht nach vor dem Landesgericht: Die Eigentümervertreter hatten bereits letzten August vor dem Bezirksgericht mit ihrer Räumungsklage gegen die RHC Invest Gmbh von Ho wegen unbezahlter Mieten Recht bekommen. Ho ging in Berufung, nun steht die Entscheidung der nächsten Instanz an.
Zukunft ungewiss, Neubeginn möglich
Nach dem Ponyhof ist die Pratersauna der zweite namhafte Wiener Club, der innerhalb weniger Monate zusperren muss. Laut der Geschäftsführerin der Vienna Club Commission, Martina Brunner, sind so gut wie alle Clubs als Nachwirkung von Corona in wirtschaftlicher Bedrängnis. „Das Freizeitverhalten und das Gesundheitsbewusstsein haben sich verändert”, sagt Brunner. „Es wird weniger an der Bar konsumiert, was die Haupteinnahmequelle der Clubs ist.” Ein weiterer Faktor: Durch die Inflation und die triste wirtschaftliche Lage, bleibt den meisten Menschen weniger Geld übrig für Freizeitverhalten.
Brunner hofft, dass in der Pratersauna schon bald wieder getanzt wird: „Wir können nur hoffen, dass das Gebäude weiter für Clubkultur erhalten bleibt und eine verlässlicher, nachhaltiger Betrieb gelingt.”
Wäre ein Neubeginn für Müller-Klasz ohne Ho als Mittelsmann denkbar? „Für mich als Clubbetreiber geht es gar nicht weiter, wir haben gerade ein Baby bekommen”, sagt er. „Die ganze Pratersauna-Action hat mich viel Geld gekostet und ich muss mich da wirtschaftlich erst erholen.” Wirtschaftlich sei die Location nicht einfach, es gebe keine Laufkundschaft, man müsse das ganze Publikum ziehen, sagt Müller-Klasz zum Abschluss: „Ich glaube aber, die Pratersauna hat schon so viele Angriffe überlebt, dass ein Neubeginn möglich wäre.”

Dominik Ritter-Wurnig
Dominik Ritter-Wurnig war als Datenjournalist und Redakteur unter anderem für rbb (ARD), ORF, ZDF und Krautreporter tätig – mit Stationen in Berlin, Wien und New York. Danach gründete und leitete er in Wien das Online-Magazin „tag eins“, ein werbefreies, durch Crowdfunding finanziertes Medienprojekt.

Veronika Wenninger
Veronika Wenninger arbeitete im Projektbüro der Wirtschaftskammer Österreich und war danach zwei Jahre lang Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit im Parlament. Bei Zwischenbrücken ist sie für den Instagram-Kanal und die Facebook-Gruppe zuständig.






