In der Brigittenau wuchs Ljubica Pantić auf, zur Schule fuhr sie mit dem 5A. Heute fährt sie den Bus selbst. Und muss bei Falschparkern und grantigen Fahrgästen die Ruhe bewahren.
Text: Bernhard Odehnal
Die Reportage zum Anhören:

Mit acht Minuten Verspätung kommt der Bus der Linie 5A in der Haltestelle Rauscherstraße an. In der Unteren Augartenstraße ragte nämlich ein großes Auto in die Fahrspur. Der Bus kam nicht vorbei. „Zum Glück war es ein Lieferwagen und an der Seitenwand stand die Telefonnummer der Firma“, sagt Ljubica Pantić: „Ich konnte anrufen und die Firma rief ihren Fahrer an. Sonst würden wir noch immer dort stehen“.
Dienstbeginn 4:40 Uhr
Die 29-jährige ist Busfahrerin bei der Firma Gschwindl. Sie fährt auf mehreren Linien, deren Betrieb von den Wiener Linien in Lizenz an private Firmen vergeben wurden. Unter anderem auch auf der Linie 5A, deren Route quer durch die Leopoldstadt und die Brigittenau führt. Vom Nestroyplatz an der frisch umgebauten Praterstraße, vorbei an Karmelitermarkt, Augarten, Lorenz-Böhler-Krankenhaus, Mortarapark, Handelskai und Friedrich-Engels-Platz bis zur Griegstraße am äußersten Ende der Brigittenau.
Seit drei Jahren fährt Ljubica Pantić Linienbusse für Gschwindl. Heute hat sie Frühschicht. Um 4 Uhr 40 holt sie ihren Bus aus der Garage der Firma in Strebersdorf, jenseits der Donau. Eine halbe Stunde später beginnt sie den Linienbetrieb bei der Traisengasse. Als ihr Bus dann in der Leopoldstadt durch den falsch geparkten Lieferwagen aufgehalten wird, hat sie die Hälfte ihrer Schicht schon hinter sich.
Keine Klopause
Pantić lässt sich durch die Verspätung nicht aus der Ruhe bringen. So etwas komme immer wieder vor, sagt sie. Leider würden manche Fahrgäste aber nicht verstehen, dass sie nichts dafür kann und sich bei der Fahrerin beschweren. Ärgerlich ist für sie, dass mit der Verspätung ihre Pause von 8 Minuten an der Endstelle Griegstraße ins Wasser fällt. Eine Zigarette geht sich gerade noch aus. Eine Klopause ist nicht mehr drin, aber das ist Pantić gewohnt. Dieses Problem löst sie auf ihre Art: „Ich hab meinem Körper beigebracht, dass wenn er nicht kann, dass er nicht muss.“

Pantić mag den 5A. Die Linie ist nie so überfüllt wie die ebenfalls von Gschwindl betriebene Linie 5B, und auch Verkehrsstaus sind auf der Route eher selten. Dafür kommt sie mit ihrem Bus durch ganz unterschiedliche Grätzl und Milieus. Von den alten Gemeindebauten in der Brigittenau bis zum Boboviertel rund um den Karmelitermarkt. Vorbei am Kloster der Kleinen Schwestern zum Lamm, in dem der emeritierte Erzbischof Christoph Schönborn wohnt, und am Jugendtreffpunkt vor der Millenium City.
Freundliche Fahrgäste im Zweiten
Die Fahrgäste in der Leopoldstadt seien anders als jene in der Brigittenau, sagt Pantić: „Im 20. Bezirk grüßen manche. Manche nicht.“ Im 2. Bezirk hingegen „grüßen sie alle. Sobald die Tür offen ist beim Nestroyplatz und die steigen ein: Grüß Gott.“
Sie selbst ist eher mit der Brigittenau verbunden. Weshalb ihr der 5 A auch besonders am Herzen liegt. In der Engerthstraße wohnte sie mit ihren Eltern, dort stieg sie in den Bus und fuhr direkt zu ihrer Schule bei der Rauscherstraße. Die Mutter wohnt noch immer dort und steigt manchmal in einen Bus, den die Tochter fährt. Das freut dann beide. An ihrem Fahrstil habe die Mama nichts auszusetzen, sagt die Tochter hinter dem Lenkrad.
Ljubica Pantić möchte Busfahrerin bleiben. Das war auch der Job ihres Vaters und ihr Traum in Jugendjahren. Den hat sie sich erfüllt. Lediglich die Nachtschichten am Wochenende sind unangenehm, sagt sie – wegen der Besoffenen: „Ich vermeide gerne unangenehme Situationen, aber mit den Besoffenen geht das manchmal nicht“. Dass sie lieber weniger Nachtschichten machen würde, habe auch die Firma verstanden: „Die sind mir entgegengekommen. Ich fahre jetzt spätestens bis 22 Uhr.“
Zeit für einen Kaffee
Exakt 32 Minuten nach der Abfahrt in der Griegstraße kommt Pantić mit ihrem Bus an der Endstelle Nestroyplatz an. Dieses Mal gab es kein Hindernis und keine Verzögerung. So bleibt ihr, neben der Zigarette, sogar Zeit für einen Kaffee aus dem Pappbecher.
Insgesamt, so ihr Resümee, mache sie viel mehr gute als schlechte Erfahrungen im Bus. Besonders zu den Feiertagen. Zu Weihnachten oder Silvester kommen öfters Fahrgäste im 5A nach vorne zum Lenkersitz und drücken Ljubica Pantić 10 Euro in die Hand und sagen: „Kaufen Sie sich was Schönes. Also das ist so eine kleine Geste, da freut man sich, dass es solche Menschen noch gibt.“
Quer durch die Brigittenau und die Leopoldstadt: Eine Fahrt im 5A mit Ljubica Pantić von der Griegstraße bis zum Nestroyplatz gibt es hier auf YouTube zu sehen (Video von Leila Renn).
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Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.






