Die Kombination von Fitness und Wettkampf ist erst ein paar Jahre alt und doch schon ein globales Geschäft. Einmal im Jahr kommt der Wanderzirkus in die Leopoldstadt.
Text: Sebastian Haller, Fotos: Christopher Mavrič

Die Burpees bereiten Éva Rácz die größte Angst. Aus einem Liegestütz hüpft man dafür mit einem großen Sprung nach vorne, immer und immer wieder. Erst nach 80 Meter ist Schluss. Dafür braucht es die richtige Motivation: „Ich werde es meiner Tochter zeigen und nicht nur ihr. Vielen Menschen, die nicht an mich geglaubt haben.“
Die Burpees sind an diesem Nachmittag aber nicht die einzige Herausforderung für die 55-jährige Ungarin. Sie ist eine von 11.000 Athlet:innen, die beim einzigen Hyrox-Event in Österreich antritt. Dafür ist Éva zusammen mit ihrem Mann vierhundert Kilometer nach Wien angereist. Ihr Ziel? „Lebendig im Ziel ankommen.“
Muskeln und Massen
In der Messehalle an der Ausstellungsstraße dröht elektronische Musik mit wummernden Bässen aus den Boxen. Ein Moderator treibt die Athlet:innen an und fordert deren letzte Kräfte.
Die ganze Halle mit ihren knapp 17.000 Quadratmetern erscheint in einem schwarz-weißen Branding und bildet ein Labyrinth aus Zuschauerrängen und Fitnessgeräten, aus Besucher:innen und verschwitzten Sportler:innen. Dazwischen stehen Shops von Puma, Red Bull und Hugo Boss. So sieht der Kraftsport von heute aus. „Es macht Spaß. Es ist Adrenalin pur“, sagt Éva. Und auch die Fitnessbranche hat ihren Spaß.

Über Jahre klaffte in der Fitnessbranche eine Lücke. So sahen es zumindest die Gründer von Hyrox, zwei Hamburger mit Sinn fürs Geschäft. Der Kraftsport boomte zwar schon. Aber: Niemand hätte ein konkretes, ein messbares Ziel vor Augen gehabt, so die Unternehmer. Also entwickelten sie einen Sport, bei dem Kraftsportler im Wettkampf gegeneinander antreten.
Sechszehn Einheiten müssen die Athletinnen beim Hyrox absolvieren: acht Mal je einen Kilometer laufen und dazwischen verschiedene Kraftübungen, darunter einen 150 Kiloschweren Schlitten ziehen oder schieben, eine Art Medizinball gezielt in die Höhe werfen oder ein Rudergerät bedienen. Dazu gehört auch Évas Angstübung, der Burpee. Alle sechzehn Übungen laufen auf Zeit und können entweder allein oder zu zweit absolviert werden.
„Ein Art Wanderzirkus“
„Hyrox bringt mehr Leute zu einem Wettkampfsport“, ist Fabian Auracher überzeugt. Er gehört zum Team der Fitnessstudio-Kette „ZoneFit“, die auch in der Leopoldstadt Hyroxtrainings anbietet. Die Übungen sind zugänglicher als Kraftsportarten wie Gewichtheben und technisch weniger anspruchsvoll. Und die Verletzungsgefahr ist relativ gering – eine attraktive Mischung eben.
Ob ein Hyrox in Las Vegas, Lissabon oder der Leopoldstadt stattfindet, ist egal – zumindest für die Veranstalter. Denn die setzen auf Standardisierung. Jedes Spektakel findet in einer Halle statt, mit gleichem Branding und Equipment. Das erleichtert die Organisation. Es ist „ein Art Wanderzirkus, der dann von Stadt zu Stadt zieht“, sagt auch Auracher. Trotzdem ist das Teilnehmerfeld international besetzt.

Geschummelt wird während den Wettkämpfen nicht, versichert Darren. Der Mittfünfziger aus Großbritannien mit kurzen grauen Haaren und kleinem Bauch arbeitet als „Judge“ bei den Frauenbewerben.
Mit seiner Statur sticht er heraus der Masse der muskulösen Athlet:innen. „Wir sind hier, um den Sportlern zu helfen und sie dabei anzuleiten, damit auch sie das Beste aus dem Wettkampf herausholen können.“ Als Judge arbeitet er ehrenamtlich, zusammen mit rund 150 Kolleg:innen, wie er schätzt. Wobei er für seine Teilnahmen sogar noch mal rund 400 Euro an Gebühren zahlen musste. „Ich reise durch ganz Europa. Und ja, es ist verrückt.“
Die Britin Tamsin Dillon ist mit ihrer irischen Freundin Ruth Hanna angereist. Nach dem Event werden sie noch mehrere Tage in der Stadt verbringen, sagt Dillon: „Wien scheint wunderschön zu sein. Wir freuen uns darauf, in der Stadt unterwegs zu sein, ein Glas Wein zu trinken und die Sehenswürdigkeiten anzusehen.” Zwei Fliegen mit einer Klappe, fügt sie schmunzelnd hinzu.
2.2 Millionen Follower
Eine andere Teilnehmerin reibt sich nach dem Wettkampf ihre Oberschenkel mit einer Creme ein – nicht überraschend bei einer Sportveranstaltung. Allerdings wird sie dabei von einem Mann mit Profikamera gefilmt. „Mein Name ist Andrea Dian. Ich komme aus Jakarta, Indonesien“, stellt sie sich kurz vor.
In ihrer Heimat betreibt Dian einen Instagram-Kanal mit 2,2 Millionen Followern und einer Kooperation mit dem Sportartikelhersteller Adidas. Als „Influencerin“ sieht sich dennoch nicht. Und mit ihrer Leistung ist sie nicht zufrieden. Nur zwei Minuten sei sie schneller gewesen als zuletzt in Hong Kong. Wermutstropfen sind vielleicht die rund 50.000 Likes für einen Insta-Beitrag zum Wettbewerb.

Wer keinen Fotografen dabei hat, kann aber ein professionelles Paket bei einem zertifizierten Anbieter buchen. „Keine Panik, Sportograf fotografiert alle Teilnehmer während des Rennens“, lautet der vertrauensvolle Hinweis auf der Homepage. Bei jeder Station wuseln gleich mehrere Profis mit Blitz herum. Dank Gesichtserkennung wird im Nachhinein ein persönliches Album zusammengestellt – das ist nicht im Startgeld inbegriffen und kostet nochmal rund 30 Euro.
Satte Umsätze durch Merchandising
Seit 2023 ist die Sportmarke Puma Hauptsponsor von Hyrox. Vom gebrandeten Kapperl, T-Shirt bis hin zum eigenen Hyrox-Schuh ist alles dabei. Im Windschatten des Hypes erhofft sich das deutsche Unternehmen satte Umsätze. Nicht als Nebengeschäft, sondern als tragende Säule der Konzernstrategie. Ein junger Mitarbeiter im Shop schätzt, dass rund 50.000 Euro pro Tag an Merchandising eingenommen werden – mindestens. Hilfreich mag dabei sein, dass heute die Preisschilder fehlen: „Da gibt es gerade Lieferengpässe. Wir hoffen morgen auf neue.“ Das sei aber Zufall, keine Strategie.
Engpässe kennt man bei Hyrox sonst nur beim Ticketverkauf. Von den rund 150 Events im vergangenen Jahr waren die meisten frühzeitig ausverkauft – bei Ticketpreisen zwischen 75 und 120 Euro. Wer nur zusehen will, muss in Wien zehn Euro für den Eintritt zahlen. Insgesamt soll die Hyrox World GmbH mit Sitz in Hamburg im letzten Jahr rund 130 Millionen Euro eingenommen haben, bei einer weltweiten Teilnehmerzahl von rund 900.000 Menschen. 2026 wird wohl die Million geknackt.
Eigene Licht- und Soundtechnik
„Hyrox ist auf jeden Fall ein weiteres Standbein“, sagt Studiobetreiber Fabian Auracher. Früh habe man den Trend erkannt. Damit man aber unter der Marke Hyrox auch Trainings anbieten kann, muss das Studio eine monatliche Lizenzgebühr von 160 Euro zahlen. Für Auracher sei das ein moderater Preis – für Hyrox dürfte das globale Lizenzgeschäft aber eine stattliche Summe einspielen.
Mit der Lizenz hat Auracher auch das Fitnessstudio komplett umgebaut: „Wir haben einen eigenen separaten Raum mit eigener Lichttechnik und mit eigener Soundtechnik und mit dem gesamten Equipment, das man beim Hyrox auch verwendet.“ Die Investition habe sich aber ausgezahlt: „Ich glaube nicht, dass es nur ein Trend ist. Ich glaube, es ist da und bleibt da.“

Nach zwei Stunden, fünf Minuten und 41 Sekunden hat Eva es geschafft. Sie konnte sich selbst und ihrer Tochter beweisen, dass sie die Quälerei durchzieht – auch mit 55 Jahren. „Ab und zu war ich schwach. Da bin ich halt nur gegangen. Und der Burpee war auch nicht so schwer, wie ich es gedacht habe.“
Der Zirkus zieht weiter
Im Ziel lässt sich Eva von ihrem Mann drücken, isst eine Banane und trinkt ein neonblaues Getränk. Wird sie nächstes Jahr wiederkommen? „Lass mich mal darüber nachdenken“, sagt Eva lachend. Mehr will sie nicht verraten, bevor sie ihre Freundin ungeduldig zu einem offiziellen Foto schleift.
In ein paar Tagen wird das Equipment auf dem Eva sich abgerackert hat, in einer anderen Halle in Europa aufgebaut. Ob der Wanderzirkus nächstes Jahr wieder in der Leopoldstadt aufgebaut wird, ist noch offen. Auf Anfrage heißt es aus der Hyrox-Zentrale knapp: „Zu 2027 dürfen wir noch keine Aussage treffen.“
Link: https://hyroxdach.com/de/

Sebastian Haller
Sebastian Haller war unter anderem für den "Standard" und den ORF tätig. Ausgezeichnet wurde er mit dem Österreichischen Jugendpreis. Davor hat er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Medienforschung gearbeitet.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.







