Völlig überraschend streicht die Stadt Wien dem Community-Sender die gesamte Förderung. Geschäftsführerin Ulli Weish sucht nun alternative Finanzierungen, um den Betrieb weiterzuführen.
Text: Naz Küçüktekin

Ulli Weish wusste schon, dass die Budgetknappheit auch ihr Team treffen würden. Intern habe man mit Kürzungen von etwa zehn bis fünfzehn Prozent gerechnet und entsprechende Anpassungen vorbereitet, erzählt Weish. Sie ist Geschäftsführerin von „Radio Orange“, dem nicht-kommerziellen Community-Sender mit Sitz am Gaußplatz in der Brigittenau.
Der Schock kam dann mit einer Mitteilung aus dem Wiener Rathaus: „Dass man uns komplett streichen will, damit haben wir nicht gerechnet“, sagt Weish. Der Wegfall der Förderung würde vor allem das Personal treffen: „In gemeinnützigen Medienprojekten lassen sich Einsparungen meist nur über Arbeitsstunden umsetzen.“
Piraten und Private
Mit dem Förderstopp wird ein Projekt bedroht, dessen Wurzeln bis in die Zeit der Piratenradios zurückreichen. Denn den Spirit des nicht-kommerziell geführten Radios gab es schon, als noch gar keine Radiolizenzen in Österreich an private Sender vergeben wurden. Privatradios wurden erst möglich, nachdem am 24. November 1993 das Rundfunkmonopol des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ORF) durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes zu Fall gebracht wurde. Fünf Jahre später entstand aus dem „Verein zur Förderung und Unterstützung von freien lokalen nichtkommerziellen Radioprojekten“ das RadioOrange 94.0. Am 17. August 1998 ging der Sender erstmals on air.
Seither sendet der Sender als einer der größten Community-Radio-Sender im deutschsprachigen Raum. Auch als „freies Radio“ bezeichnet, bedeutet Community Radio, dass der Sender nicht kommerziell ist und Radio im Grunde für alle ermöglicht.

Während in großen Redaktionen meist Journalist:innen über andere berichten, sollen bei Radio Orange jene selbst zu Wort kommen, die sonst oft nur Gegenstand der Berichterstattung sind. „Menschen, die häufig Objekt von Berichterstattung sind, sind bei uns Subjekte ihrer eigenen Berichterstattung“, sagt Geschäftsführerin Weish. Rund 500 Menschen gestalten derzeit Programme, insgesamt gibt es etwa 220 Sendungsformate in über 20 Sprachen.
Freier Medienzugang
Bei Radio Orange kann grundsätzlich jede Person Radio machen. Eine Idee für eine Sendung, ein Konzept und die Bereitschaft, sich mit Technik und journalistischem Handwerk auseinanderzusetzen – mehr braucht es nicht. „Es ist ein freier Medienzugang zu den Produktionsmitteln für alle Menschen, die radiointeressiert sind“, sagt Weish.
Die Themen reichen von migrantischen Communitys über Kultur bis zu politischen Debatten und werden in den unterschiedlichsten Sprachen gesendet. So vermittelt etwa „Radio Afrika“ ein „vielfältiges Bild über Afrika“, während sich „Radio Stimme“ als Magazin zu Minderheiten Themen versteht. In „Café LG – Grüße ins Gefängnis“ werden sonntags von 21 bis 23 Uhr persönliche Nachrichten von Angehörigen an Gefangene übermittelt. Bei „Sweetpot“ wiederum sprechen Mischa G. Hendel, Mary Jay und Michi Duda über sozio-politische und kulturelle Themen mit Studiogästen (zum Beispiel von Zwischenbrücken).
13 Arbeitsstellen bedroht
Die meisten Sendungen entstehen ehrenamtlich. Doch ganz ohne bezahlte Arbeit funktioniert der Betrieb nicht: Technik, Programmkoordination und Administration werden von einem kleinen Team organisiert. Derzeit arbeiten 13 Personen in Teilzeit beim Sender.

Gerade diese Infrastruktur steht nun auf dem Spiel, durch die Streichung einer zentralen Förderung der Stadt Wien. Über Jahrzehnte hinweg wurde Radio Orange unter anderem von der MA 13 (Bildung und Jugend) unterstützt, laut Förderbericht der Stadt Wien mit zuletzt 390.600 Euro.
Streichung zu hundert Prozent
Die Magistratsabteilung für Bildung und Jugend gehört zum Ressort von NEOS-Stadträtin Bettina Emmerling. „Üblicherweise erfahren Organisationen im Dezember, wie hoch ihre Förderung für das kommende Jahr ausfällt“, erklärt Weish. Doch diesmal kam alles anders: „Wir haben erfahren, dass die Stadträtin vorhat, uns zu hundert Prozent zu streichen.“
Dabei besteht die Radiolizenz noch bis 2031. Auch für die Sendeanlage am Donauturm läuft der Vertrag noch mit Kündigungsfrist bis Ende des Jahres. “Wenn man sparen will, macht es keinen Sinn, dort zu sparen, wo Gelder gebunden sind und wo es um einzuhaltende Verträge geht“, kritisiert Weish.
Übungsraum der Demokratie
Gerade in einer Medienlandschaft, die zunehmend von wenigen großen Playern dominiert wird, seien offene Medienräume besonders wichtiger, bestont die Geschäftsführerin . „Wir betrachten uns als Übungsraum, als Lernfeld, als demokratiepolitische Infrastruktur“, sagt sie und kritisiert das „Demokratieverständnis und Medienverständnis“ der NEOS: Ihnen gehe es wohl “ganz stark um eine digitalkommerzielle Normalisierung“, vermutet Weish.
Wien stehe vor einer der angespanntesten Budgetsituationen seit vielen Jahren, betont man im Büro von Stadträtin Bettina Emmerling auf Anfrage. Der Fokus im Bildungsressort liege der Fokus daher klar auf Maßnahmen, die direkt faire Bildungschancen für Kinder und Jugendliche sichern. Medienprojekte wie Radio Orange können aufgrund dieser Prioritätensetzung künftig nicht mehr aus dem Bildungsbudget finanziert werden. Die für 2026 reduzierte Förderung sei vorgesehen, um einen geordneten Übergang zu ermöglichen und Zeit zu geben, Radio Orange finanziell neu aufzustellen.
Suche nach Spenden
Aktuell versucht das Team um Weish genau das, in dem sie etwa probieren Gespräche mit anderen Magistratsabteilungen zu führen. Auch Projektförderungen und Spenden sollen helfen, zumindest einen Teil der Kosten zu decken.
Der Betrieb von Radio Orange soll so gut wie möglich weitergeführt werden. „Man kann ein Team kündigen, aber den Community-Radio-Gedanken nicht“, sagt Weish. Denn der Bedarf nach offenen Medienräumen sei weiterhin groß.
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Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.






