Christoph Schönborn ist vom Stephansplatz in die Brigittenau gezogen – und fährt Bus. Ein Gespräch über Bezirksleben, Glauben und Kopftücher.
Text: Bernhard Odehnal, Foto: Christopher Mavrić

Das Kloster passt irgendwie nicht zur Umgebung: Ein gedrungener Bau mit Holzfenstern und einem Türmchen zwischen fünf- und sechsstöckigen Wohnhäusern. Das Tor in der Mitte führt zu einer betont schlicht gehaltenen Kapelle mit Holzboden. Daneben geht es durch eine unscheinbare Holztüre ins Innere des Klosters. Der Kardinal öffnet persönlich.
Im Kloster der „Kleinen Schwestern“
Hier also lebt Christoph Schönborn. Von 1995 bis Jänner 2025 war er Erzbischof mit Wohnsitz neben dem Stephansdom. Dann übersiedelte er in den 20. Bezirk, in eine Wohnung des Klosters der „Kleinen Schwestern zum Lamm“ in der Dammstraße, nahe der Wallensteinstraße. Der Orden hat seinen Ursprung in Frankreich. Er legt Wert auf ein besonders einfaches Leben und dem Dienst an den Ärmsten der Gesellschaft.
Auch die Wohnung des emeritierten Erzbischofs wirkt sehr bescheiden. Neben einem Schlafzimmer gibt es nur einen Wohnraum mit Sofa, Schreibtisch, einer kleinen Küche und Bücherregalen. Hier empfängt Schönborn das Team von „Zwischenbrücken“. Eine gute Stunde nimmt er sich Zeit für Gespräch und Fotos. Danach geht er hinunter in die Kapelle, wo sieben Ordensschwestern und ein paar wenige Besucher auf die Abendmesse warten.
Eine Messe, zwei Erzbischöfe
Schönborn hat an diesem Tag einen besonderen Gast: Der Franzose Philippe Barbarin war bis 2020 Erzbischof von Lyon. An diesem Abend zelebrieren also gleich zwei emeritierte Erzbischöfe die Abendmesse im Kloster der Kleinen Schwestern in der Brigittenau.
Zwischenbrücken: Wie sieht der Alltag eines emeritierten Erzbischofs im 20. Bezirk aus?
Kardinal Schönborn: Sicher ruhiger als der Alltag des Bischofs. Es ist immer noch sehr viel los: Einladungen, Gespräche, gelegentlich Interviews, Reisen. Ich war jetzt gerade in Rom für ein paar Tage. Aber es wird immer ruhiger. Mit 81 Jahren darf man auch ein bisschen ruhiger sein.
Wir sitzen in Ihrem Wohnzimmer, das auf mich ein wenig wie eine Studentenwohnung wirkt. Kochen Sie hier auch?
Frühstück und Abendessen ist im Eigenbau. Das mache ich selber. Mittagessen gibt es entweder hier mit der Gemeinschaft oder wie heute in einer Pizzeria. Oder auch im benachbarten Gasthaus „Lebenstraum“. Dorthin gehe ich sehr gerne.
„Ich lebe gerne in einer Gemeinschaft. Ich bin nicht zum Eremiten geboren.“
Sie kochen also selbst?
Ich habe hier eine kleine Wohnküche und mein gewohntes Menü. Im Erzbischöflichen Palais wurde es für mich vorbereitet, jetzt bereite ich es selber zu.
Fühlen Sie sich wohl hier?
Ich fühle mich sehr wohl. Ich kenne die Kleinen Schwestern und Brüder vom Lamm seit der Gründung vor 50 Jahren. Ich habe ja in Frankreich studiert, am Entstehen dieser Gemeinschaft teilgenommen und sie seither immer begleitet. Bei meiner Emeritierung habe ich die Einladung bekommen und sie dankbar angenommen. Ich lebe gerne in einer Gemeinschaft. Ich bin nicht zum Eremiten geboren.
Warum nennt sich der Orden „klein“?
Viele Ordensgemeinschaften benutzen diesen Ausdruck. Vielleicht sollte man nicht immer betonen, dass man klein ist. Andererseits ist es eine Erinnerung: Mach dich nicht so wichtig!

Kam es für den Orden überraschend, dass Sie in die Brigittenau ziehen wollten?
Ich war vom ersten Moment am Bau dieses Klosters im 20. Bezirk beteiligt. Mit meiner Emeritierung rückte die Idee näher, dass ich hier wohnen könnte…
…in deutlicher Entfernung zu Ihrem früheren Wohnsitz beim Stephansdom.
Ich habe 34 Jahre am Stephansplatz gelebt und liebe den Stephansdom und die Innenstadt. Aber ich hatte schon lange den Wunsch, weg vom Zentrum in einem mir sehr sympathischen Bezirk zu leben. Was ich mir erhoffte, hat sich bisher bewahrheitet.
War Ihr Umfeld über diesen Wunsch nicht überrascht? Die Brigittenau hat ja nicht den besten Ruf.
Die Brigittenau ist besser als ihr Ruf: Ein sehr lebendiger Bezirk. Ich habe viele Leute kennengelernt hier und noch mehr Leute kennen mich. Es hat sich herumgesprochen, dass der Kardinal hier wohnt. Ich fühle mich hier richtig.
Gehen Sie viel spazieren? Kennen Sie die Umgebung?
Ich habe noch viel zu wenig spazierend den Bezirk erschlossen. Wobei ich inzwischen recht gut die Umgebung um die Dammstraße und den Brigittaplatz kenne. Ich kenne auch die Pfarren von früher. Aber es macht einen großen Unterschied, ob man zu Besuch kommt oder den Alltag lebt.

In unmittelbarer Nachbarschaft in der Dammstraße liegt das Zentrum der türkisch-islamischen Union „Atib“. Sind Sie in Kontakt mit dem Verein?
Ich kenne „Atib“ aus der Türkei, weil mich die Religionsbehörde dort einmal nach Ankara und Istanbul eingeladen hatte. Und ich dachte, das ich auch hier den Kontakt pflegen könnte. Aber im Moment findet dort kaum etwas statt. Als ich heute vorbeigegangen bin, habe ich nur eine Person gesehen. Ich weiß nicht was los ist: Das Zentrum wirkt wie stillgelegt.
Als das islamische Zentrum 2013 gebaut wurde, gab es starke Proteste gegen eine neue Moschee in der Dammstraße.
Und ich habe damals gegen diese Proteste protestiert. Ich habe sehr deutlich gesagt: Es kann nicht sein, dass ein Politiker mit dem Kreuz gegen Muslime marschiert. Ich bin ganz entschieden für den Weg des Gesprächs. Und nicht der Panikmache.
Die Ängste vor dem radikalen Islam sind seither noch stärker geworden.
Diese radikalen Strömungen machen auch vielen Muslimen Angst. Ich fühle mich auf deren Seite. Wir leben in derselben Stadt, wir haben dieselben Sorgen. Wenn ich ein verletztes Knie habe, ist das nicht ein katholisches Knie, sondern ein menschliches Knie. Wir müssen einander als Menschen begegnen: Mit Respekt, mit Wohlwollen und mit Toleranz für die Unterschiede. Das erwarten wir von den anderen. Das dürfen wir aber auch selber nicht ausblenden.
„Wenn sich bei uns so viele Menschen vom Christentum verabschieden, dürfen sie sich nicht aufregen darüber, dass eine andere Religion im Wachsen ist.“
Ich höre immer wieder Menschen klagen, dass man so viele verschleierte Frauen auf der Straße sehe.
Es sind nicht verschleierte Frauen sondern Frauen mit Kopftuch. Das ist ein großer Unterschied. Ich habe großen Respekt vor jeder Frau, der ich begegne, ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht. Bei uns haben die alten Bäuerinnen immer ein Kopftuch getragen. Ich habe sie deswegen nicht verachtet.
Auf dem Hannovermarkt kommen die meisten Händler aus dem arabischen Raum oder Afghanistan.
Ich war noch nicht am Hannovermarkt einkaufen. Aber die Schwestern, bei denen ich lebe, sind sehr vertraut mit dem Markt. Sie haben zu den Händlern ein sehr unverkrampftes Verhältnis.
Dennoch: Ist nicht gerade die Brigittenau schon sehr vom Islam geprägt?
Die Frage der zunehmenden muslimischen Bevölkerung ist natürlich eine Sorge, die ich teile. Europa war großmehrheitlich christlich. Aber wenn sich bei uns so viele Menschen vom Christentum verabschieden, dürfen sie sich nicht aufregen darüber, dass eine andere Religion im Wachsen ist und es Menschen gibt, die ihre Religion ernst nehmen.

Ist ein friedliches Miteinander möglich?
Atmen Muslime eine andere Luft als Christen oder Atheisten? Warum sollte es uns nicht gelingen, zusammenzuleben? Natürlich ist das herausfordernd. Die Geschichte hat doch gezeigt, dass es geht. Leider hat die Geschichte aber auch gezeigt, dass man Zusammenleben zerstören kann. Wir dürfen nur die Demografie nicht vergessen. Wer die Kinder hat, hat die Zukunft. Es ist so einfach. Es herrscht Aufregung bei uns, dass es so viele Muslime gibt. Aber da muss ich fragen: Warum gibt es die? Weil sie halt Kinder haben. Auch die Christen haben Kinder, aber die anderen haben mehr.
Wie ist das, wenn Sie in der Brigittenau die Messe halten. Sehe Sie da nur alte Menschen?
Die Demografie der Christen in Wien ist ein Spiegel der Gesamtentwicklung. Viele Kirchenbesucher kommen aus Polen oder Kroatien. Wenn Herr Österreicher und Frau Österreicherin sich von der Kirche verabschieden, ist das ihre Freiheit. Aber dann darf man nicht über ein Ungleichgewicht in den Religionen klagen. Wir haben von katholischer Seite inzwischen eine ganze Reihe Kirchen verschenkt oder verkauft: An Rumänen, Serben oder die Kopten. Die Christen sterben nicht aus. Weltweit steigt ihre Zahl stark an, nur in Europa nimmt sie ab. Ich finde diese Entwicklungen sehr spannend und nicht nur besorgniserregend.
Im vergangenen Herbst schrieben Sie auf Facebook, dass Sie auf einer Fahrt mit dem Bus durch den 20. und 2. Bezirk jüdische Kinder mit Kippa, Sikhs mit Turban und muslimische Frauen mit Kopftuch sehen. Warum war Ihnen wichtig, das zu betonen?
Es war ein Kommentar zum geplanten Kopftuchverbot für unter 14-jährige. Die österreichischen Bischöfe haben sehr genau argumentiert, warum wir das nicht für sinnvoll halten. Die Regierung und das Parlament haben entschieden und das akzeptieren wir natürlich. Aber ich bin nicht sicher, ob das Gesetz bei einer eventuellen Verfassungsklage durchkäme.
Ich fand an dem Posting auch interessant, dass Sie offenbar häufig mit dem Bus durch den Bezirk fahren.
Ja, das ist sehr praktisch. Der 5A hat eine Haltestelle direkt vor der Tür. Ich fahre zum Nestroyplatz, dann zwei Stationen mit der U-Bahn und bin in 20 Minuten am Stephansplatz. Also großes Lob den Wiener Linien! Ich habe in Rom und Paris gelebt. Der öffentliche Verkehr in Wien ist unvergleichlich gut.
Der 5A wird von der Firma Gschwindl betrieben. Die müssten sie auch loben.
Ich weiß, die Firma Gschwindl ist mir nicht unbekannt.
Und der 5A bringt sie auch wieder zurück in die Brigittenau. Halten Sie wirklich jeden Abend hier im Kloster die Messe?
Wenn ich nicht unterwegs bin, dann versuche ich es zumindest. Es gehört zum täglichen Brot und ich muss sagen: Es gibt auch viel Kraft. Langweilig wird es hier nicht.
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Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.







