Vom Platzsprecher bis zur WAF-Lisi kann sich der „Wiener Athletik Fußball” auf eine besonders treue Anhängerschaft verlassen. Auch wenn es mal nicht so gut läuft. Ein Matchbesuch in der Brigittenau.
Text: Sebastian Haller, Fotos: Christopher Mavrič
Ein akustischer Matchbesuch, gelesen von Sebastian Haller:

Peter Schrimpl hat an diesem Sonntagvormittag ausnahmsweise Zeit. Normalerweise steht er am Grill und wendet die Würstel. Heute gibt es aber Unterstützung in der Kantine. Hinter ihm treffen Spieler, Bekannte und Fans ein und der Fußballplatz füllt sich langsam. Es ist Spieltag in der Brigittenau.
„Präsidenten gibt‘s kan!“
Wer mit Schrimpl spricht, wird immer wieder unterbrochen von einem Stakkato aus ‚Servus‘ und ‚Hallo‘. Manchmal rutscht einem Spieler ein ‚Präsident‘ über die Lippen. „Präsidenten gibt‘s kan!“, sagt er dann trocken. Peter Schrimpl ist Obmann des WAF Brigittenau und hält den Verein – und diesen Platz – jeden Tag am Laufen. „Hier gibt’s immer was zu tun.“
London hat sein Wembley. Rio sein Maracanã. Und die Brigittenau? Die hat die sogenannte „Gruam“. Seit rund fünfzig Jahren kickt der WAF, der Wiener Athletik Fußball, hier. In der Mitte des Geländes liegt ein Kunstrasenplatz mit Kantine und Vereinsgebäude, zugelassen für 1.500 Zuschauer. An der Seite eine 50 Meter langen Tribüne mit zwei Sitzreihen. Rundherum: die siebenstöckigen Gemeindebauten der Pasetti- und Meldemannstraße, die das Gelände einrahmen. Nur die kolossale AUVA-Zentrale überragt sie.

Wo in anderen Stadien die VIP-Tribüne liegen, finden sich hier Wäscheständer und ein paar Zaungäste auf den Balkonen. „Ein paar Anrainer kommen runter. Ein paar rufen an, dass ihnen der Wirbel auf die Nerven geht“, erzählt Schrimpl. „Aber ich kann es auch nicht ändern.“ Langsam füllt sich der Platz mit seinen Bierbänken und Tribünenplätzen. Rund 300 Zuschauer:innen werden es heute sein.
Kein Urlaub, kein Krankenstand
Seit 20 Jahren ist Schrimpl beim WAF, seit 10 Jahren als Geschäftsführer. Als Fußballer war Schrimpl Verteidiger, heute spielt er auf allen Positionen: am Grill, im Büro, in der Kabine. Mal muss ein Schloss repariert, ein eingeschossenes Fenster ausgetauscht, eine Kabine ausgemalt oder ein neuer Trainer gefunden werden. Ein Leben mit fünf Wochen Urlaub oder Krankenstand? Gibt es hier nicht, sagt er. „Wenn du nicht das Herz dafür hast, wird es schwer.“
Rund 70 Personen halten den Betrieb in der Gruam am Laufen, der Großteil davon ehrenamtlich. Schrimpl ist der Einzige, der auch hauptberuflich hier arbeitet. Seinen Lebensunterhalt verdient er vor allem mit der Kantine: Bier für die Zuschauer, Einnahmen für den WAF. Selbst an schlechten Spieltagen finden die gefüllten Semmeln ihre Abnehmer, sagt die ‚Brigitte aus der Hütte‘. Aus einer kleinen Holzhütte versorgt sie die Besucher mit Proviant. „Vor allem die Schnitzelsemmerln sind beliebt.“ Ein Faktencheck ist nicht möglich. Die Schnitzelsemmerln sind schon aus.

Einen Verein am Laufen zu halten kostet Zeit, Nerven – und viel Geld. Jedes Jahr verschwinden unter der finanziellen Last immer wieder kleine Klubs, oft trotz großer Vergangenheit. Was bei den Profivereinen viel Wirbel auslöst, passiert im Unterhaus meist leise. Wobei auch der WAF einmal ein Großer war: ein Meistertitel steht in der Chronik, auch wenn der schon etwas her ist. Im selben Jahr regierte Kaiser Franz Joseph I. und der Sportplatz des WAF befand sich noch – ausgerechnet – in Hütteldorf. Das war 1915.
1.000 Euro für eine Lampe
Und heute? Schrimpl zeigt nach oben auf die Flutlichter. 1.000 Euro zahlt man allein für eine Lampe. Strom, Gas, Wasser, dazu Platzwart, Zeugwart und Masseure müssen bezahlt werden. Der größte Brocken sind aber die rund 35 Trainer, die sich um die Teams von der U7 bis zur Kampfmannschaft kümmern. Von den Budgets der großen Wiener Klubs ist man natürlich weit entfernt. Und selbst in der Wiener Stadtliga, in der der WAF kickt, zählt man zu den finanzschwächeren Teams. Aber hunderttausende Euro macht der Betrieb im Jahr schon aus. „Manchmal ist man finanziell gut drauf“, sagt Schrimpl. „Dann kommt eine Nachzahlung vom Strom mit 10.000 Euro.“ Dann ist er weniger euphorisch.
Eine, die das alles mitträgt, ist die WAF-Lisi. Die 70-jährige trägt eine auffällige Sonnenbrille, ein breites Grinsen und ist ständig in Bewegung. „Putzen, Service, Einkauf oder Rechtliches. Ich helfe überall.“ Zehn Jahren ist sie schon im Verein aktiv, wechselt dabei zwischen Homeoffice und Gruam. Noch länger ist die WAF-Lisi nur Mutter von Obmann Peter Schrimpl. Ihm hat die Rentnerin auch versprochen zu helfen, solange sie kann. „Und das halte ich auch ein.“ Sie genießt den Spieltag: Die Jugend, die verschiedenen Kulturen, das Durcheinander. „Das ist toll.“ Ihr Lächeln verrät, dass sie das ernst meint.

„Gemma Vollgas da draußen!“, ruft Trainer Andreas Schneider in der Kabine und schwört sein Team ein. Als die Mannschaft raus aus der Kabine ist, schlägt er aber vorsichtigere Töne an: „Was uns manchmal fehlt, ist das Kämpfen.“ Zu Gast ist heute der ‚geilste Fußballklub der Welt‘. So lautet zumindest die recht selbstbewusste Selbstbeschreibung des SV Schwechat. 20 Fans sind mitgereist. Sie kommen ohne Trommeln oder bengalisches Feuer aus und haben sich hinter der Trainerbank versammelt.
„Ich ruf’ Olé, Olé, Olé“
Am Spielfeldrand hat Edi Thorwartl unter einem rot-weißen Sonnenschirm Aufstellung genommen. Wer ihn als Stadionsprecher anspricht, den bessert er sanft, aber deutlich auf Platz-Sprecher aus. Knapp 20 Jahren ist der Mann mit dem schlohweißen Haar und der rauchigen Stimme schon beim WAF. „Bei einem Tor habe ich ein Markenzeichen“, verrät er. „Ich ruf’ Olé, Olé, Olé.“ Einmal öfter als der Gegner sollen die Brigittenauer heute treffen, wünscht er sich. Das Spiel wird angepfiffen.
Schwechat ist von Beginn an überlegen, der WAF kommt kaum ins Spiel. Zur Pause steht es verdient 0:2. Ein einzelner Zuschauer mit grauem Pferdeschwanz schimpft in Richtung Spielfeld. „Irgendein Irrer“, sagt ein anderer, der sich als Heinrich Heine vorstellt. Heine, der gleich um die Ecke wohnt, sitzt direkt hinter dem Tor, drei Meter vom Tormann entfernt. Warum er hier ist und nicht etwa bei der Austria oder Rapid? „Ich will keine Bierflasche auf den Kopf bekommen“, meint er. „Dort gibt’s immer Deppate.“ In der Gruam fühlt sich der Brigittenauer aber wohl. Den Spielstand nimmt er fast stoisch zur Kenntnis.

Auf dem Feld fallen dann noch drei weitere Tore. Platzsprecher Edi ruft sein bewährtes „Olé, Olé, Olé“ an diesem Tag nur einmal. Auf der Anzeige hinter den Trainerbänken steht es nach 90 Minuten schließlich 5:1. Die WAF-Spieler verschwinden schnell in der Kabine, ihr Trainer verzichtet ausnahmsweise auf eine Ansprache: „In leere Köpfe bringst nix rein.
„Einfach weiterarbeiten“
In Hütteldorf oder Favoriten würde nach so einem Spiel vielleicht ein Pfeifkonzert einsetzen. Zumindest würde sich der Platz aber sehr schnell leeren. In der Gruam bleibt der Großteil der Fans auf den Parkbänken sitzen, bei Wurst, Bier und Kotelett. Der Rauch vom Grill, der mittlerweile noch dicker in der Luft steht, ersetzt in der Brigittenau wohl das bengalische Feuer. Dazwischen Obmann Schrimpl, nicht am Grill, aber mit Bier und im Gespräch mit ein paar Bekannten. Mit dem Ergebnis ist er nicht zufrieden: „Wir müssen einfach weiterarbeiten….Und aus.“
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Sebastian Haller
Sebastian Haller war unter anderem für den "Standard" und den ORF tätig. Ausgezeichnet wurde er mit dem Österreichischen Jugendpreis. Davor hat er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Medienforschung gearbeitet.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.






