Viel Grün und eine klare Struktur zeichneten einst den zentralen Platz der Leopoldstadt aus. Wie zahlreiche Umbauten und ein fünfspuriger Kreisverkehr seinen ursprünglichen Charakter weitgehend zerstört haben.
Text: Bernhard Odehnal
Für Menschen die um die Jahrhundertwende aus Mähren, Schlesien oder Galizien am Wiener Nordbahnhof ankamen, bot er den ersten Eindruck großstädtischen Lebens. Der Praterstern war damals schon einer der verkehrsreichsten Plätze der Zwei-Millionen-Stadt.
Straßenbahnen und Tagelöhner
Hier fuhren mindestens sechs Straßenbahnlinien kreuz und quer. Kohlenhändler holten mit ihren Karren das Material vom nahe gelegenen Frachtenbahnhof. Tagelöhner warteten auf neue Arbeit, Dienstmädchen gönnten sich ein Brötchen im Automatencafé. Am Nordbahnhof (der auf dem Foto im Hintergrund zu sehen ist) kamen aber auch Beamte und Unternehmer aus der Provinz an. Das mächtige Denkmal für den Admiral Tegetthoff war für sie wohl der erste Orientierungspunkt. So fuhren oder gingen dann vom Bahnhof über den Praterstern zu einem der nahe gelegenen Hotels, etwa dem Hotel Nordbahn auf der Praterstraße.

Das schwarz-weiß Foto im Schiebebild muss 1907 oder 1908 entstanden sein. Aufgenommen wurde es vom Sockel des Tegetthoff-Denkmals, das damals wirklich in der Mitte des Platzes stand – und nicht wie heute weit am Rand. Die Zeit der Aufnahme kann deshalb relativ genau bestimmt werden, weil auf dem Bild eine Straßenbahn der Linie CT zu sehen ist. Diese Linie existierte nur sehr kurze Zeit, nämlich von Februar 1907 bis Dezember 1908.
Das Linienschema der Wiener Elektrischen folgte damals noch einem durchdachten System. Buchstabenlinien fuhren immer über die Ringstraße. Die Linie C fuhr von Kaisermühlen über den Praterstern und den Ring bis zur Alser Straße. Der Zusatz „T“ zeigte an, dass die Züge den Weg über die Taborstraße bis zum Donaukanal nahmen.

Ende der 1950er Jahren zerstörten die Stadtplaner die sternförmige Struktur des Platzes mit dem Tegethoff-Denkmal im Zentrum. Sie bauten einen Kreisverkehr mit fünf Spuren für den motorisierten Individualverkehr. In der Mitte des Kreisverkehrs entstand die Station Praterstern für die neue S-Bahn.
Barrieren durch Kreisverkehr
Sechs Straßenbahnlinien fuhren weiterhin, aber die Linien 5 und E2 mussten außerhalb des Kreisverkehrs ihre Schleifen drehen. Fußgänger mussten unter der Straße durch, die Unterführungen hatten nur Stufen, keine Lifte, Rampen oder Rolltreppen. Die Verbindung der Heinestraße zum Praterstern wurde gekappt und ein großer Parkplatz errichtet. Die Straßenbahn fuhr ab dann durch die Mühlfeldgasse.
Mitte der 1960er Jahre wurden die Reste des Nordbahnhofs gesprengt. An seiner Stelle stehe heute Wohnhäuser, die den Charme realsozialistischer Plattenbauten ausstrahlen. Wo früher der Zugang zum Frachtenbahnhof war, stehen heute Verwaltungsgebäude der ÖBB.
U-Bahn statt Tramway
Mit der Verlängerung der U 1 über den Praterstern nach Kagran wurden mehrere Straßenbahnlinien eingestellt. Die Verlängerung der U 2 im Jahr 2008 vom Schottentor bis zum Stadion bedeutete auch das Ende der Linie 21 durch die Ausstellungsstraße. Gleichzeitig wurde der Bahnhof Praterstern neu gebaut und der Platz davor neu gestaltet. Vom ursprünglichen Plan einer vollständigen Überdachung blieb nur ein seltsam funktionsloses Metallgerüst entlang des Kreisverkehrs übrig. Das hat man nach ein paar Jahren wieder entfernt.
Den bislang letzten Umbau erlebte er Platz vor zwei Jahren. Damals ließ Planungsstadträtin Ulli Sima Bäume pflanzen und ein Wasserspiel errichten. Allerdings traute sich die Politik nicht, auch nur eine Fahrspur für den Autoverkehr aufzulösen. Oder gar den Kreisverkehr an sich in Frage zu stellen. Und so bleibt der „Stern“ in Praterstern weiterhin unsichtbar. Der Platz ist weiterhin eine riesige Verkehrsfläche und kein Ort, an dem man sich gerne länger aufhält
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.






