Wo früher Pelze verkauft wurden, werden heute Gemüsekisten verteilt und Nachbar:innen kommen ins Gespräch: Die Foodcoop Stadtgut bringt regionale Lebensmittel und neue Begegnungen ins Grätzl.
Text: Naz Küçüktekin

Und plötzlich war da Licht in der Stadtgutgasse 23, dem kleinen Erdgeschoßlokal, das einst einen Pelzladen beheimatete, in den vergangenen Jahren aber leer stand. Clemens Huber ging daran jahrelang vorbei, bis er vor ein paar Monaten die Veränderung bemerkte und realisierte: Da zieht eine Foodcoop ein. „Und ich habe mir gedacht: Wenn sich da mitten in meiner Straße etwas tut, dann muss ich dabei sein“, beschreibt der Leopoldstädter, wie er zu dem Ganzen kam.
Gemeinsame Bestellung, gemeinsame Arbeit
Eine Foodcoop ist kein Geschäft im klassischen Sinn, sondern eine gemeinschaftlich organisierte Einkaufsgemeinschaft. Mitglieder bestellen gemeinsam Lebensmittel direkt bei Produzent:innen, organisieren die Verteilung selbst und teilen sich die anfallende Arbeit.
Die Motivation dahinter ist für viele ähnlich: Frust über den Supermarkt. „Diese Unzufriedenheit mit dem Einkaufen im Supermarkt begleitet mich schon länger, weil es so anonymisiert ist“, sagt Irene Niedermayer, zusammen mit Michael Huber-Strasser Mitgründerin der Foodcoop Stadtgut. Statt um Produkte in anonymen Regalen geht es hier um Beziehungen. „Ich weiß bei uns viel mehr, woher die Lebensmittel kommen und wie sie hergestellt werden.“ Produzent:innen sind keine abstrakten Namen mehr. „Hier kann ich die Menschen kennenlernen, die mein Essen herstellen“
Honig aus dem Prater
Seit vergangenem April gibt es den Verein. „Angefangen hat es damit, dass wir ganz klassisch Zettel an die Scheiben geklebt haben“, erinnert sich Niedermayer. Daraufhin fand sich ein kleines Koordinationsteam zusammen. „Wir hatten alle nicht viel Vorerfahrung, was eine Foodcoop eigentlich ist. Wir haben uns dann nach und nach Wissen angeeignet und uns mit anderen Foodcoops vernetzt“, so die Mitgründerin. Aus ersten Treffen wurden Bestellungen, aus einer Idee ein funktionierender Einkaufsort.

Regionalität spielt dabei eine große Rolle. „Wir bemühen uns natürlich um kurze Anfahrtswege und Regionalität.“, sagt Niedermayer. Vieles kommt aus dem Waldviertel, etwa Eier oder Gemüse. Der Honig sogar aus einer Imkerei im Prater. Gleichzeitig wird pragmatisch gedacht: „Anderes, das nicht bei uns wächst, beziehen wir auch von weiter weg, zum Beispiel Zitrusfrüchte im Winter aus Sizilien”, erklärt Huber. Entscheidend sei Transparenz und Austausch. „Hier weiß man zumindest, woher die Sachen kommen, kann mitbestimmen und für sich selbst entscheiden. Es ist ein selbstbestimmteres und reflektierteres Konsumieren als im Supermarkt”, ist er sich sicher.
Ausgangspunkt für mehr Nachbarschaft
Die Foodcoop ist für die beiden zudem mehr als ein anderer Ort zum Einkaufen. „Die Idee an der Foodcoop ist, dass man nicht nur seine Gemüsekiste abholt und das war’s dann, sondern auch die Gemeinschaft lebt”, sagt Huber. Mitglieder übernehmen Aufgaben, von Bestellungen bis Reinigungsdiensten, in unterschiedlichen Arbeitsgruppen. So verteilt sich die Arbeit auf viele Schultern. Die Foodcoop versteht sich auch als Ausgangspunkt für mehr Nachbarschaft.
„Aktuell haben um die 30 Mitgleider. Aber wir wollen noch mehr werden”, erzählt Niedermayer. Für 20 Euro im Monat kann man schon Mitmachen. Interessierte seien jederzeit willkommen, sich selbst ein Bild zu machen.
Der nächste Infoabend der Foodcoop Stadtgut findet am 23. Februar statt.
Link: www.foodcoop-stadtgut.at
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.




