Seit wenigen Wochen betreibt die Tierärztin Nina Leonard, 41, eine beeindruckend breit aufgestellte Kleintierpraxis im Stuwerviertel.

Viele Mädchen wollen später irgendwas mit Tieren machen. So war das auch bei mir. Im Unterschied zu den meisten anderen bin ich aber bei dem Wunsch geblieben. Ich musste nie nachdenken, was ich einmal machen will.
Zähes erstes Jahr
Und so habe ich mich nach der Matura ohne Verzögerung an der Vetmeduni immatrikuliert. Die Veterinärmedizinischen Universität Wien ist nicht nur die einzige einschlägige akademische Ausbildungs- und Forschungsstätte in Österreich, sondern auch die älteste im deutschsprachigen Raum.
Das erste Jahr war ziemlich herausfordernd und auch ein bissl zäh. Im Studium war dann viel Anwesenheitspflicht, viel Physik, viel Chemie. Physik mag ich bis heute nicht, aber für Biochemie habe ich ein Faible entwickelt. Es ist spannend, was in den Zellen so vor sich geht.
Hohes Niveau in Hollabrunn
Noch während des Studiums habe ich in kleinen Ordinationen gearbeitet. Gleich anschließend bin ich in die Tierklinik Hollabrunn gekommen. Damals war das die größte Tierklinik in Österreich, 30 Tierärzte, ein Riesenbetrieb. Dort konnte ich erfahren, wie man auf hohem medizinischem Niveau arbeitet.
Jetzt kann ich sagen, dass ich habe, was ich immer schon wollte: eine Kleintierpraxis, mit meiner Kollegin Elisabeth Hess als zweiter Tierärztin, dazu zwei fixe Assistentinnen und für die Wochenenden drei Studenten. So ist garantiert, dass wir an 365 Tagen im Jahr für unsere Patienten da sind.

Die Patienten – das sind meistens Hunde und Katzen. Es kommen aber auch Menschen mit ihren Heimtieren zu uns, also mit Hamstern, Ratten, Kaninchen, Meerschweinchen und gelegentlich auch mal mit Mäusen. Für Reptilien und Vögel können wir nur Erstversorgung bieten, für Weiteres müssen wir sie zu Spezialisten überweisen.
Für alle anderen Tiere steht nach dem Umbau und dank größerer Investitionen jetzt ein sehr breites Leistungsspektrum zur Verfügung. Wir untersuchen, wir impfen, wir operieren. Wir betreiben ein eigenes Labor, haben ein digitales Röntgen, machen Bauch- und Herzultraschall, viele Weichteiloperationen und auch zahnmedizinische Behandlungen. Tagsüber können wir Tiere auch stationär aufnehmen, für eine Infusion zum Beispiel, die mehrere Stunden dauert.
Aufwendige Operationen
Ratten kommen mitunter als Herzpatienten zu uns. Hamster haben häufig eitrige Gebärmutterentzündungen. Gerade kleine Tiere haben oft große medizinische Probleme. Und weil Operationen aufgrund der geringen Größe auch sehr aufwendig sind, entstehen entsprechende Kosten.
Wenn ich für eine Operation an einem Hamster 400 Euro verlangen muss, reagieren manche Menschen verständnislos: Für das Geld könnte man 20 Hamster kaufen. Das mag sein. Da muss ich aber deutlich werden: Sie haben ein Tier, Sie tragen Verantwortung. Geld ist gelegentlich also ein schwieriges Thema in unserer Arbeit.
Atembeschwerden und Allergien
Es gibt leider immer noch viele Qualzuchtrassen. Den Mops zum Beispiel. Oder die Französische und Englische Bulldogge. Solche Hunde leiden häufig unter Atembeschwerden. Deren Nasenlöcher sind zu eng, das Gaumensegel ist zu lang. Im Sommer kriegen sie keine Luft mehr und ersticken. Oder sie leiden unter Allergien, haben Hautprobleme oder auch mal einen Bandscheibenvorfall.
Die Schottische Faltohrkatze, die Scottish Fold, wird oft mit Knorpelschäden zu uns gebracht. Genau die Faltohren, die den Tieren angezüchtet wurden, sind also ihre schwächste Stelle. Zum Glück ist es in Österreich mittlerweile verboten, solche Tiere zu züchten.
Ist ja nur ein Hund?
Leider machen sich viele Menschen, die ein Tier anschaffen, keine Gedanken, wie aufwendig und kostenintensiv die medizinische Versorgung sein kann. Das sorgt mitunter für – wie soll ich‘s sagen? – für Missverständnisse.
Menschen kommen ja auch zu uns, weil ihr Tier leidet. Manche, unübersehbar nicht ganz arm, wollen das Geld für eine nötige Operation dann doch lieber nicht ausgeben. Das ist ja nur ein Hund, habe ich da schon gehört. In solchen Fällen muss ich mit Nachdruck darauf hinweisen, dass man für das Wohlergehen seines Tieres verantwortlich ist.
Tierische Produkte – nur für Tiere
Wir beide, Elisabeth und ich, leben vegan. Ich bin mit 15 Vegetarierin geworden und konsumiere seit 14 Jahren überhaupt keine tierischen Produkte. Wir haben uns als Tierärztinnen auch ganz bewusst auf Kleintiere spezialisiert, weil wir die Industrie nicht unterstützen wollen und uns der Tierschutz wirklich am Herzen liegt. Ich will nicht, dass ein Tier sterben muss, damit ich es essen kann. In unserer Praxis gibt es keine tierischen Produkte. Zum Kaffee trinken wir Hafermilch.
Für Tiere machen wir selbstverständlich eine Ausnahme. Im Wartezimmer hängt ein Regal voll mit Snacks für unsere Patienten. Da gibt es portionsweise alles, was deren Herz begehrt: Kängurufleischscheiben, Straußendörrfleisch, Pferdefleisch-Leckerchen und Hirsch-Snack-Stripes.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Tierarztpraxis Vorgartenstraße, Eingang an der Ecke Jungstraße
Link: https://www.wienvet.at
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger, Buchautor und Archivar. Er arbeitete für profil, die Zeit, das Schweizer Magazin „Facts“ und andere Medien. Er lebt in der Leopoldstadt und unterrichtet unter anderem an der Sigmund-Freud-Privatuniversität.







