Die Elektro-Ingenieurin Anne Glatt, 36, engagiert sich in der Klimagerechtigkeitsbewegung und in der Leopoldstädter Bezirkspolitik.

Ich habe am Karlsruher Institut für Technologie meinen Abschluss in Elektro- und Informationstechnik gemacht. Nach dem Abitur 2009 wusste ich erst nicht so recht, was ich machen soll. Aber da hat mir die Politik den Weg gewiesen.
Spezialisiert auf Erneuerbare Energien
Die Merkel-Regierung hat damals den vereinbarten Atomausstieg durch eine Laufzeitverlängerung der AKWs gekippt, was mich ziemlich geärgert hat. Dadurch war mir klar, in welche Richtung ich gehen musste. Durch das Grundstudium habe ich mich eher durchgequält. Aber mit der Spezialisierung auf Erneuerbare Energien hat das Sinn gemacht. Ein paar Jahre lang war ich dann in einem kleinen bayrischen Unternehmen als Entwicklungsingenieurin für Brennstoffzellensysteme tätig.
Politisch bin ich in der Klimagerechtigkeitsbewegung zuhause. Eine Weile habe ich in München versucht, mich bei den Grünen zu engagieren. Da habe ich verstanden, dass so ein hierarchischer Parteiapparat nicht meinen Vorstellungen von politischer Arbeit entspricht. Ich habe dann bei allen möglichen Protesten und Besetzungen in Deutschland mitgemacht. Gegen Braunkohle. Gegen Automobilausstellungen. Und eben für Klimagerechtigkeit.
Doktortitel war nicht wichtig
Seit sechs Jahren bin ich jetzt in Wien. Über Freund*innen in der Klimagerechtigkeitsszene bin ich in die Stadt gekommen und konnte an der TU Wien als Doktorandin andocken. Das war allerdings schwierig, weil Corona dazwischenkam. Außerdem ist mir klar geworden, dass mir so ein Doktortitel eigentlich nicht wichtig genug ist. Warum sollte ich meine Zeit damit vergeuden, wenn ich anderswo viel mehr bewirken könnte?
Drei Jahre lang habe ich dann im Umweltbundesamt als Fachexpertin im Bereich Mobilität gearbeitet. Das schien mir lange sinnvoll zu sein, mittlerweile suche ich aber eine neue berufliche Herausforderung.
Ein Viertel als Betonwüste
Seit zwei Jahren wohne ich jetzt in einem Genossenschaftshaus im Nordbahnviertel, gleich bei der Endstation der Linie O. Das ist schön, weil es nicht weit ist zur Donau und zu meinen Jogging-Strecken im Grünen. Aber im Grunde ist das Viertel über weite Strecken eine Betonwüste, die mit Blick auf den Klimawandel und Hitzeperioden dringend umgestaltet werden muss.

Derzeit konzentriere ich mich auf mein Mandat als Bezirksrätin von LINKS im zweiten Bezirk. Bei der Nationalratswahl 2024 war ich ziemlich frustriert. Nicht nur weil ein weiterer Rechtsruck absehbar war. Sondern auch, weil mir wegen meines deutschen Passes hier keine Stimme in dieser Sache zugestanden wird. Ich bin schon jahrelang da, spreche und verstehe sogar die Sprache, aber ich darf nicht mitbestimmen.
Von der Teilnahme ausgeschlossen
2025, also im Wiener Jahr der Demokratie, waren 38 Prozent der im zweiten Bezirk lebenden Menschen so wie ich von der Teilnahme ausgeschlossen und durften auf Gemeinderatsebene nicht wählen.
Auf Bezirksebene dürfen aber wenigstens EU-Bürgerinnen wählen und kandidieren. Also habe ich mir überlegt: Wenn ihr mich als Wählerin auf Gemeindeebene nicht wollt, dann werdet ihr mich mit meiner Expertise eben als Bezirksrätin kriegen. Und so kam es auch. Gemeinsam haben KPÖ und LINKS in der Leopoldstadt vier Mandate errungen. Am 3. Juni wurden wir als Bezirksrätinnen angelobt. Und seither versuchen wir, möglichst sinn- und phantasievolle Dinge einzubringen.
Geld für einen Monster-Tunnel?
Wirklich schlimm mit Blick auf Wien ist in diesem Jahr natürlich das drohende Monster Lobau-Tunnel. Man führe sich das nochmal vor Augen: 2026 gibt es Geld für genau gar nichts, an allen Ecken und Enden wird gestrichen und gespart, beim Sozialen so wie bei der Kultur. Aber für eine Autobahn gibt es Geld? Das ist fatal und gegen jede fachliche Expertise.
Ein anderes Thema: 2025 gab es in der Leopoldstadt drei Femizide. Gewaltschutz für Frauen, Mädchen und FLINTA* muss damit ins Zentrum rücken. Da braucht es konkrete Maßnahmen, die wir über entsprechende Anträge in die Diskussion bringen wollen.
Und zuletzt diese Sport-und-Fun-Halle in der Venediger Au. Nie werde ich verstehen, warum man dafür eine so große Grünfläche versiegeln musste. Eigentlich hätte man die 6-spurige Straße daneben beschneiden müssen. Aber ich gestehe: Es ist schwierig für mich, die Halle konsequent zu boykottieren. Irgendwann werde ich wohl schwach werden und zum Badminton Spielen dorthin gehen.
Bergsteigen trotz Höhenangst
Das gehört neben dem Joggen, dem Fahrradfahren und dem Bergsteigen zu meinen Leidenschaften abseits der Politik. Ich komme aus einem kleinen Dorf beim Schwarzwald, Stadelhofen, hart an der französischen Grenze. Meine Eltern betreiben dort im Nebenerwerb einen Obstbau. Das Bergsteigen wurde mir also nicht in die Wiege gelegt. Aber während eines Studienjahres in Chile konnte ich gar nicht anders. Landschaft und Berge sind so atemberaubend schön dort, dass sie mich trotz meiner Höhenangst angezogen haben.
Gerne verbinde ich die beiden Sportarten auch. 2024 bin ich mit dem Fahrrad von Rieka durch Kroatien und weiter bis nach Shkodra in Albanien gefahren und dort in die Berge gegangen. Zehn Tage lang über den Peaks of The Balkans genannten Trail.
Die Region hat mich so fasziniert, dass ich im nächsten Jahr mit dem Rad von Graz aus durch Bosnien gefahren bin. Und weil ich finde, dass ich jetzt langsam zumindest auch eine slawische Sprache können sollte, habe ich nebenher ein Studium der Slawistik begonnen. Mal sehen, wie das weitergeht.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







