Karin Pointner, 41, wohnt am Augarten, zieht als Sozialarbeiterin und Bürgerbeteiligerin aber ihre Spuren quer durch die Stadt.

Mir schien der Zweite immer stark überbewertet. Ich habe vorher im 15., im 17. und im neunten Bezirk gewohnt. Aber 2017 bin ich eher durch Zufall an die Wohnung in der Lampigasse gekommen, direkt hinter dem Augarten also.
Buffet im Innenhof
Und siehe da: Ich liebe die Leopoldstadt. Nicht nur, weil es so viel Grün gibt. Vor allem auch wegen der Menschen. In unserem Genossenschaftshaus gibt es einen Gemeinschaftsraum und einen Innenhof. Zwei Orte, wo sich Leute treffen können ohne Konsumverpflichtung. Wo jeder so mitmachen kann, wie er oder sie das möchte. Man kann etwas zum Buffet beisteuern, man kann aber auch nur zuschauen.
Ich hab zweimal ein Gartencafé organisiert, einen Aushang gemacht, Einladungen in die Briefkästen gesteckt. Und die Nachbar*innen kommen, sitzen, essen, reden. Und freuen sich. Irgendwann hat mir jemand eine Tafel Schokolade in den Briefkasten gesteckt und einen Zettel dazu. Dieser Mensch hat sich anonym bei mir für das Organisieren bedankt und dazu erklärt, warum er sich darüber so gefreut hat: Weil nicht jeder in der Lage ist, so etwas zu organisieren. Das hat mich berührt und ermutigt.
Erkundigungen online
Beeindruckt bin ich von der jüdischen Geschichte im Bezirk, die nicht nur in den Straßen und Gassen, sondern intensiv auch über Online-Spaziergänge zu erkunden ist. Nach und nach habe ich mir die vielen Steine der Erinnerung und alle möglichen Orte genauer angeschaut.
In meiner Nachbarschaft lebt eine jüdisch-orthodoxe Familie, mit der ich auch gut in Kontakt bin. Das liegt vermutlich auch an meiner sehr zugänglichen, um nicht zu sagen: neugierigen Art. Gerade im Umgang mit Menschen sehe ich den Sinn des Lebens.

Zum Glück kann ich das in meinen diversen beruflichen Tätigkeiten gut ausleben. Ursprünglich habe ich Internationale Entwicklung studiert. Weil das aber kaum mit Praxis verbunden war, habe ich keinen passenden Job gefunden. Ich wollte also etwas Handfestes lernen und habe zusätzlich Soziale Arbeit und Sozialwirtschaft studiert. Das war gut so.
Eine Anstellung, drei Jobs
Seit 2017 bin ich bei der Caritas Stadtteilarbeit angestellt und habe dort eigentlich drei unterschiedliche Jobs. Direkt für die Caritas Stadtteilarbeit bin ich in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Außerdem arbeite ich in der Gebietsbetreuung Stadterneuerung für die Bezirke 19 und 21.
Der dritte Bereich ist das „Grätzllabor Rudolfsheim-Fünfhaus“, wo ich im Sinn einer nachhaltigen Bezirksentwicklung Bürgerinnen, Politikerinnen und Stadtverwaltung vernetze. Inzwischen bin ich recht gut darin, mir mehrmals die Woche einen anderen Hut aufzusetzen.
Sozialarbeit in Floridsdorf
Im 21. Bezirk bin ich Sozialarbeiterin. Wir haben am Schlingermarkt ein Büro. Da kommen Menschen hin, die Unterstützung suchen. Ich höre zu, bestärke sie, verweise sie weiter, helfe bei Antragstellungen. Oft geht es um Gebührenbefreiungen, auf die Bezieher*innen der Mindestsicherung Anspruch haben.
Mein Endgegner auf diesem Feld ist die OBS, die ORF-Beitrags Service GmbH. Man glaubt nicht, wie komplex so ein Antrag sein kann. Kein Wunder, dass viele Menschen an ihre Grenzen stoßen. Oft geht es zuerst einmal darum, die komplexe Amtssprache in einfache Sprache zu übersetzen.
Straßenarbeit in Rudolfsheim-Fünfhaus
Im Grätzllabor im 15. Bezirk habe ich kein Büro, sondern bin dort, wo die Menschen sind. Auf der Straße. Wir begleiten zivilgesellschaftlich engagierte Bewohner*innen, die sich für Begrünungsmaßnahmen, Mobilitätsthemen oder Umgestaltungen im öffentlichen Raum einsetzen.
Ganz eng arbeite ich mit der Gruppe „Grau wird Grün“, die in kurzer Zeit schon sehr viel erreicht hat. Sie motiviert Gießpat*innen, errichtet Mikro-Vorgärten auf den Gehsteigen, verwandelt Parkplätze in grüne Parklets und regt Fassadenbegrünungen an. Da bin ich in einer Management-Rolle für das Gemeinwesen tätig.
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Weil Menschen, die sich privat engagieren, meist abends Zeit für ihre Aktivitäten haben, sind die Tage bei mir oft lang. Aber ich sorge dafür, dass meine privaten Interessen nicht zu kurz kommen.
Ich fühle mich aus dem zweiten auch sehr zum 20. Bezirk hingezogen. Die vielen Lokale, die vielen Initiativen, in die man sich einklinken kann, habe und nutze ich gern. Die – stadtplanerisch noch immer arg vernachlässigte – Wallensteinstraße liegt mir so gesehen näher als die Taborstraße.
Im Fanclub des Eurovision-Songcontests
Ich fahre wahnsinnig gern Fahrrad. Dazu habe ich aufgrund der weiten Wege zwischen den Bezirken im Arbeitsalltag viel Gelegenheit. Ich gehe ins Cross-Fit-Studio, spiele in einer Floorball-Mannschaft und gehe mit meinem Freund in die Kletter-Halle. Ich singe im bunt gemischten „Bester Chor vor der Autobahn“. Außerdem bin ich leidenschaftlich Fan, also mit anderen Menschen in Fanclubs verbunden, etwa im Eurovision Songcontest-Fanclub und in dem des Wiener Sport-Club.
All das hat sich erst entwickelt, nachdem ich meine steirische Heimat verlassen habe. Ich war bis zur Matura eine sehr strebsame, sehr brave Tochter. Dass ich so eine Plaudertasche, so extrovertiert und so sportlich werde, war nicht absehbar. Wien hat das möglich gemacht.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Links:
https://www.caritas-stadtteilarbeit.at
https://besterchorvorderautobahn.wordpress.com
https://www.gbstern.at/nord
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







