In der Jägerstraße erinnert eine Gedenktafel an den Kommunisten Fritz Hedrich. Seine Geschichte ist eng verknüpft mit einem der übelsten Verräter in der NS-Zeit.
Text: Ernst Schmiederer

Wien, Herbst 1941. In den letzten Wochen war die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung immer noch brutaler geworden. Nach einer Polizeiverordnung vom 19. September mussten rund 60.000 Menschen in der Stadt den gelben Stern tragen. Tag für Tag wurden weitere Juden und Jüdinnen in die Sammellager in der Leopoldstadt gepfercht.
Widerstand wird zerschlagen
In der Kleinen Sperlgasse hatte man dafür eine Schule der Stadt Wien geräumt, in der Castellezgasse das ehemalige jüdische Chajesrealgymnasium und in der Malzgasse die ehemalige Talmud Thora Schule. Ab dem 15. Oktober rollten die großen Deportationszüge aus dem Wiener Aspangbahnhof Richtung Łódź, das die Nationalsozialisten in Litzmannstadt umbenannt hatten. In den folgenden drei Wochen sollten 4.995 Jüdinnen und Juden aus Wien deportiert werden. Die meisten von ihnen wurden wenig später ermordet.
So brutal die einzelnen Schritte des Vernichtungsprozesses in der Stadt umgesetzt wurden, so intensiv widmete sich die Gestapo zu jener Zeit auch der Zerschlagung des kommunistischen Widerstands. Seit Anfang des Jahres 1941 waren über 1.000 Aktivisten verraten und festgenommen worden, großteils in Wien und Niederösterreich.
Ein Verräter namens „Ossi“
Der Wiener Historiker Hans Schafranek hat sich über Jahre hinweg intensiv mit der Unterwanderung des kommunistischen Widerstands in Wien durch die Gestapo beschäftigt. „Zu einem erheblichen Teil“, schreibt er, seien diese Menschen Opfer der „Infiltrationstätigkeit von nur zwei V-Leuten der Gestapo“ geworden – dem ehemaligen Spanienkämpfer Kurt Koppel, auch als „Glaser“ oder „Ossi“ bekannt, und seiner Lebensgefährtin Margarete Kahane, die als „Sonja“, „Gretl“ oder „Olga“ ihrer unseligen Wege ging.
Koppel, ursprünglich Mitglied der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJV), wurde 1936 wegen kommunistischer Betätigung verhaftet, als V-Mann angeworben und war erst für die Staatspolizei der austrofaschistischen Republik und anschließend für die Gestapo tätig. Kahane wiederum war durch ihre Beziehung zu Koppel mit dem kommunistischen Widerstand vernetzt.
Ausbruch aus dem Gefängnis
Manche der nach diesem verheerenden Schlag verbliebenen strukturlosen und isolierten kommunistischen Zellen hatten vom Wirken des Spitzel-Duos erfahren. Allenthalben wurde daher überlegt, wie man die Verräter ausschalten konnte. „Über Kassiber aus dem Wiener Landesgericht verständigt, brach ein im Gefängnis Stein einsitzender Häftling sogar aus, um ‚Ossi‘ eine Falle zu stellen“, schreibt Hans Schafranek und verweist namentlich auch auf Erna und Fritz Hedrich, die wochenlang Pläne geschmiedet hatten, „wie der Gestapo-Konfident am besten beseitigt werden könnte“.

Friedrich Hedrich, 1914 geboren, war als Kind Mitglied der kommunistischen Jungen Pioniere und später im Kommunistischen Jugendverband Österreichs aktiv. Er organisierte Schülerstreiks und Lohnkämpfe, absolvierte eine Lehre als Elektriker und Installateur, wirkte als Agitator und genoss großes Ansehen in der Partei. „Sein Mut, seine reichen Erfahrungen im wirtschaftlichen Kampfe der Jugend und seine theoretischen Kenntnisse brachten es mit sich, dass Fritz Hedrich mit 17 Jahren zum Organisationsleiter des Zentralkomitees des Kommunistischen Jugendverbandes gewählt wurde“, lobten Genossen.
Radiotechniker am Alsergrund
Hauptberuflich war Hedrich bei der Elektrohandlung Höndl & Co im neunten Bezirk (Werbung bis zur Insolvenz 2022: „Das älteste Radio- und Elektrofachgeschäft Wiens“) als Radiotechniker beschäftigt. Nach dem Verbot kommunistischer Organisationen im Austrofaschismus blieb er aktiv und wurde wegen Betätigung für den Kommunistischen Jugendverband angeklagt und vorerst zu einer Woche Gefängnis verurteilt. 1935 brachte ihn eine zweite Anklage wegen des Betreibens einer illegalen Druckerei für 15 Monate ins Gefängnis.
Auch Erna, geborene Zismann, nach den Nürnberger Gesetzen eine „Halbjüdin“ und wie Fritz Jahrgang 1914, war Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes gewesen und im Austrofaschismus wegen kommunistischer Betätigung inhaftiert. Bis zu ihrer Ehe mit Fritz war sie als Schreibkraft beschäftigt. Gemeinsam hatten die beiden zwei Kinder, die 1938 geborene Elisabeth und den 1940 zur Welt gekommenen Edi. Die Familie lebte mit der Schwiegermutter und Oma in der Jägerstraße 28 auf Tür 9.
Deckname „Heini“
Im Sommer 1941 trafen Fritz und Erna Hedrich auf Leo Gabler (Decknamen: „Gilbert Christiansen“, „Heini“). Der war aus Moskau gekommen und hatte als Auslandsemissär der Kommunistischen Internationale den Auftrag, im Wiener Untergrund die KPÖ zu reorganisieren. In der Stadt angekommen verfasste Gabler umgehend Texte für die Parteiorgane „Rote Fahne“ und „Weg und Ziel“. Fritz Hedrich überredete eine KP-Sympathisantin, diese handschriftlich verfasste Manuskripte abzuschreiben und zu vervielfältigen. Zudem unterstützte er Gabler mit Lebensmittelkarten und Geld.
Über Gabler kamen die Hedrichs mit einem weiteren Genossen, der aus Kroatien nach Wien gekommen war, um die KP-Leitung zu reorganisieren und eine Untergrunddruckerei zur Herstellung von Flugschriften aufzubauen. Weil der Mann in Wien untergebracht werden musste, wandte sich Erna Hedrich an eine Freundin und diese wiederum an eben jene Grete Kahane, „die bei der Bespitzelung des Kommunistischen Jugendverbandes ähnliche ‚Erfolge‘ erzielen konnte wie ihr Lebensgefährte Kurt Koppel im Parteiapparat“ (so Hans Schafranek). Damit war das Schicksal all dieser Menschen besiegelt.
Verraten von „Ossi” und „Olga”
Der aus Moskau nach Wien geschickte Leo Gabler wurde am Morgen des 20. Oktober 1941 verhaftet und im Juni 1944 hingerichtet. Auch das Ehepaar Hedrich wurde von „Ossi” und „Olga” verraten. Die „Geheime Staatspolizei – Staatspolizeidienststelle Wien“ meldete: „Friedrich Karl Hedrich (…) befindet sich seit dem 23.10.41 im Polizeigefängnis in Haft.“
Fritz Hedrich wurde gemeinsam mit einer Genossin am 30. September 1943 verurteilt und im Februar 1944 enthauptet. Einen Tag vor seiner Hinrichtung am 25. Februar 1944 konnte der 29jährige Hedrich auf der Rückseite eines Fotos, das seine Kinder Liese und Edi zeigt, diesen noch eine Nachricht hinterlassen: „Meine lieben Haserln! In meinen letzten Stunden schau ich im Geist in eure lieben Guckerln und drücke euch an meine Brust. Seid eurer Mama und eurer lieben Oma recht brave Kinder und Enkel. Denkt öfters an mich, und wenn es euch im Leben einmal hart geht, dann haltet den Kopf hoch! Die paar Jahre, die ich mit euch und eurer lieben Mama verlebt habe, waren die schönsten in meinem Leben. Die Liebe zu den Menschen, zur schönen Welt war mein Leitmotiv. Seid nie verbittert. Das Leben ist nur schön durch Liebe! Euer Papa!“

Erna Hedrich erhielt im September 1943 eine sechsjährige Zuchthausstrafe wegen „Beihilfe zur Vorbereitung zum Hochverrat“. Sie war erst in Wien und später in der bayrischen Justizvollzugsanstalt Aichach inhaftiert. Nach der Befreiung kehrte sie in die Brigittenau zurück, wo ihre Mutter und ihre Kinder überlebt hatten. Sie absolvierte ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, promovierte und engagierte sich beim Aufbau des KZ-Verbandes. Sie starb 1988.
Roter Winkel und Zahl „369″
Im November 1953 wurde am Wohnhaus der Henrichs in der Jägerstraße 28 eine Gedenktafel enthüllt. Der Text würdigt Hedrich als einen Kämpfer „für ein freies, demokratisches Österreich, für den Frieden und für das Glück der Menschheit.” Über dem Text ist ein roter Winkel eingraviert sowie die Zahl „369”. Der Winkel ist das Emblem des KZ-Verbands, 369 Wochen war die Zeitspanne von der Okkupation Österreichs durch Hitler-Deutschland und dem Beginn der Befreiung durch die Rote Armee.
Henrichs Name findet sich auch auf einer Gedenktafel Im ehemaligen Hinrichtungsraum des Landesgerichts für Strafsachen Wien sowie auf einem Gedenkstein in der „Gruppe 40“ auf dem Wiener Zentralfriedhof. Dort sind „mehr als tausend Frauen und Männer beerdigt, die in der Zeit von 1938 bis 1945 von einer unmenschlichen NS-Justiz zum Tode verurteilt und im Wiener Landesgericht oder auf dem Schießplatz Kagran hingerichtet wurden“.
Der Verräter verschwand
Der Verräter Kurt „Ossi” Koppel soll sich bei Kriegsende in einem Lager mit Angehörigen der faschistischen Ustascha-Organisation am Attersee aufgehalten haben. Mitte April 1945 soll er Kahane und ein gemeinsames etwa zweijähriges Kind in Bad Aussee besucht haben. Er soll bei einer Tante in Budapest aufgetaucht und sich später in Palästina und Ägypten aufgehalten haben. Ein 1949 in Österreich eröffnetes Verfahren gegen ihn wurde 1957 eingestellt.
Koppels Komplizin Margarete Kahane wurde laut dem Historiker Schafranek 1945 aus Bad Aussee nach Wien gebracht und nach Jugoslawien ausgeliefert. Dort wurde sie gesucht, weil sie auch viele Partisanen verraten hatte. Sie starb 1950 in einem jugoslawischen Gefängnis.
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







