Auf einer Bürger:innenversammlung legte der Leiter der MA 48 erstmals konkrete Pläne und Zahlen zum geplanten Mistplatz an der Freien Mitte offen.
Text: Bernhard Odehnal

Das Interesse ist enorm. 220 Menschen haben sich für die erste Informationsveranstaltung über den neuen Mistplatz in der Leopoldstadt angemeldet. Der große Veranstaltungssaal der Volkshochschule beim Praterstern ist fast voll. Allerdings dürfen nicht alle hinein: Ein Kamerateam des ORF wird wieder weggeschickt. Denn Fotos, Film- und Tonaufnahmen sind an diesem Abend verboten.
„Viele Fragen, keine Antworten“
Offenbar betrachtet die Gemeinde Wien das Thema als besonders sensibel oder fürchtete Aktionen der Mistplatz-Gegner. Die standen vor Beginn der Veranstaltung tatsächlich vor dem Eingang – mit einem Transparent, auf dem sie die Politik aufforderten: „Baut’s kan Mist!“ Dazu verteilten sie Flugblätter, in denen kritisiert wird, dass es „viele Fragen und keine Antworten“ gebe. Die zweistündige Diskussion im Saal verlief dann sehr zivilisiert und ganz ohne Eklat.
Gestritten wird über den Standort des Mistplatzes schon seit Jahren. 2020 sperrte die für Abfallwirtschaft zuständige Magistratsabteilung 48 den Mistplatz „Zwischenbrücken“ an der Dresdner Straße wegen der Pandemie zu – und danach nie wieder auf. Gerüchte über einen geplanten neuen Standort zwischen der Freien Mitte des Nordbahnviertels und der Innstraße tauchten auf (Zwischenbrücken berichtete). Der wurde dann auch im Programm der Stadtkoalition als „Grätzlmistplatz“ fixiert. Mehr war bisher dazu aber nicht bekannt.
Widerstand aus dem Bezirk
Ganz freiwillig informiert die Gemeinde Wien auch jetzt nicht. Allerdings gibt es in der Bezirksvertretung Leopoldstadt starken Widerstand gegen den neuen Standort, selbst von der regierenden SPÖ. Und so hatten sich alle Bezirksparteien auf die Einberufung einer Bürger:innenversammlung laut Stadtverfassung geeinigt.
Sieben Monate nach dem Beschluss findet diese nun tatsächlich statt. Zum ersten Mal legt Josef Thon, Leiter der MA 48, seine Pläne für den neuen Mistplatz offen. Thon bestätigt die in den Medien zuvor schon kolportierten Errichtungskosten von 40 Millionen Euro. Darin enthalten seien unter anderem 2 Millionen für den Grundstücksankauf, 10 Millionen für die Unterkunft der Mitarbeiter, je 2 Millionen für Schall- und Klimaschutz. Und 8 Millionen Euro für die Planung. Das sei aber nur der Rahmenplan, „den wir unterschreiten wollen“, betont der Spitzenbeamte.

Der neue Mistplatz soll auf einer Fläche von 1,6 Hektar errichtet werden, südlich schließt ein Betriebsgelände der ÖBB an, nördlich ein Umspannwerk. Das Grundstück wurde den ÖBB bereits von einer Gesellschaft der Gemeinde Wien abgekauft. Eine Widmung gibt es aber noch nicht. Aus den Schilderungen Thons wird klar, dass der angebliche „Grätzlmistplatz“ beachtlich groß werden soll. In etwa so groß wie die neuen Mistplätze in Döbling und in Favoriten.
Kein Mistplatz bis 2030
Ähnlich wie dort sollen rund 25 Müll-Mulden über eine erhöhte Zufahrtsstraße erreichbar sein. Zudem soll es eigene Wege für Lastenräder geben. Auf dem Mistplatz sollen rund 60 Fahrzeuge der MA 48 stationiert werden, davon 17 große Müllwägen. Neben den Personalräumen wird ein „Multifunktionsraum“ für bis zu 100 Besucherinnen und Besucher geplant, für Abfallberatung, Schulbesuche oder „Kleidertausch“.
Der Baubeginn ist 2027 geplant, die Fertigstellung Mitte 2030, also genau 10 Jahre nach der Schließung des einzigen Mistplatzes für die Bezirke 2 und 20.
Parkplätze haben Priorität
Im Publikum ist vor allem der Ärger über die mangelnde Transparenz der Gemeinde groß. Das geht aus vielen Fragen hervor. Die Gemeindebeamten müssen zum ersten Mal offenlegen, dass acht andere Standorte untersucht und zum Teil auch für „möglich“ erachtet wurden – wenn auch nicht für so „ideal“ wie der Standort Innstraße. Auch ein Umbau am alten Standort wurde untersucht, mit einer anderen, besseren Einfahrt. Aber dann hätte man in der Dresdner Straße Parkplätze auflassen und eine Ampel installieren müssen, erklärt der Planer: „Uns war klar: Der Mistplatz Dresdner Straße hat keine Zukunft“. Bisher war nicht einmal der Gemeinderat über diese Standortuntersuchungen informiert worden.

Immer wieder betonen die Beamten auf dem Podium, dass noch nichts fix sei: Die Planungen hätten noch nicht begonnen, das Konzept des neuen Mistplatzes werde erst entwickelt. Dennoch bleibt beim Publikum nach der zweistündigen Veranstaltung der Eindruck zurück, dass am Standort und der Größe des neuen Mistplatzes nichts mehr zu ändern sei. Die Gemeinde Wien hat sich festgelegt. „Wir können nur noch aufpassen, was dort wirklich geplant wird und dann vielleicht noch eingreifen“, sagt ein Teilnehmer.
Unterlagen werden öffentlich
Weil zwei Stunden nicht ausreichen, alle Fragen des Publikums zu beantworten, verweist der Moderator auf bunte Zettel, die vor dem Saal aufliegen. Da könne man seine Fragen drauf schreiben und in eine Box werfen. Die Antworten würden auf der Homepage der Bezirksvorstehung veröffentlicht. Auch alle Unterlagen der MA 48 zum neuen Mistplatz sollen nun online gestellt werden.
Zuletzt gibt es Applaus für alle Teilnehmer. Das Versprechen, dass „alle Ihre Anregungen geprüft und auch berücksichtigt werden“, erntet zum Schluss allerdings Kopfschütteln und mildes Gelächter. Weil das Interesse so groß war, wird die Veranstaltung in einer Woche, am 20. Jänner, wiederholt.
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.






