Wie ein junges iranisches Paar in Wien Informationen über den Terror der Mullah-Herrschaft sammelt – und wie es die nahe Zukunft in Iran sieht. Ein Gespräch in der Leopoldstadt.
Text: Bernhard Odehnal

Mariam nimmt ihr Handy und öffnet die Foto-App. Darauf sind Bilder von Toten gespeichert: Männer, Frauen, Kinder. Sie liegen nebeneinander in schwarzen Leichensäcken. An manchen hängen Zettel mit Namen oder Nummern. Andere werden vielleicht für immer anonym bleiben.
Manche Säcke sind nur halb geschlossen. Mariam zeigt auf ein Bild: „Hier, dieser Mann hat ein Einschussloch im Kopf. Aber an seinem Arm hängt noch ein Infusionsschlauch. Er wurde wohl im Spital erschossen.“
Zehntausende Morde
Die Fotos hat die gebürtige Iranerin aus den sozialen Medien hochgeladen oder von Freundinnen und Bekannten geschickt bekommen. Sie hält die Bilder für authentisch. „Allein in Teheran sind 12.000 Menschen ermordet worden“, sagt sie leise: „Ich habe alles gespeichert. Ich will nicht, dass das vergessen wird.“
Mariam und ihr Mann Ali sitzen jetzt in einer Wohnung in der Leopoldstadt. Sie sind Mitte 30 und kommen aus einer Stadt im Osten Irans. Kennengelernt haben sie einander dort an der Universität. Mariam studierte Chemie, Ali wollte bildender Künstler werden. Ihre Namen sind hier Pseudonyme, auch einige Details ihres Lebens sind verändert. Denn beide fürchten die Rache des Mullah-Regimes, die ihre Angehörigen in Iran treffen könnte.

Ali kam als erster nach Österreich, vor 14 Jahren. Er bekam eine Zulassung zum Studieren, dann kam Mariam nach. Seit einigen Wochen haben sie die österreichische Staatsbürgerschaft. Dennoch sind beide sind immer noch stark in der iranischen Kultur verwurzelt. Ali befasst sich mit der traditionellen persischen Musik, Mariam schreibt Gedichte. Ein paar hat sie schon ins Deutsche übersetzt.
Beten für Iran und Israel
Ali arbeitet in einer Volksschule im 2. Bezirk, Mariam als Krankenschwester in einem Wiener Spital. Sie wohnen im Karmeliterviertel, in der Nachbarschaft leben viele orthodoxe Juden. „Es ist nicht leicht, mit ihnen in Kontakt zu treten, aber sie sind sehr freundlich“, sagt Mariam. Vor ein paar Wochen traf sie ihre Nachbarin auf dem Gang: Wie geht es dir, fragte die ältere Frau. „Gar nicht gut“, antwortete Mariam, „meine Familie ist in Iran“. Darauf antwortete die Frau: „Meine Tochter ist in Israel, ich habe auch Angst um sie“. „Da habe ich gedacht: Ja, wir müssen beide leiden. Und dann haben wir gemeinsam gebetet, für die Menschen in Iran und Israel.“
Im Moment wissen Mariam und Ali ihre Eltern in Sicherheit. Sie können sie zwar nicht anrufen, aber manchmal Anrufe aus Iran empfangen. Beide haben deshalb ihre Handys während des gesamten zweistündigen Gesprächs mit Zwischenbrücken neben sich liegen und werfen immer wieder nervöse Blicke darauf. Nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil sie Lebenszeichen ihrer Mütter erwarten.
Mit dem Handy an die Grenze
Ali berichtet von einer weiteren Methode, Kontakt mit der ehemaligen Heimat zu halten: Ein guter Bekannter lebe im Irak, habe aber noch ein Handy mit iranischer SIM-Karte: „Er fährt jeden Abend eineinhalb Stunden an die irakisch-iranische Grenze. Dort kann er sich ins iranische Mobilnetz einloggen und mit unseren Freunden und Familien telefonieren. Wir geben ihm unsere Fragen und Wünsche mit, er richtet sie aus und bringt dann Nachrichten aus Iran mit. Er macht das jeden Abend, für viele verschiedene Leute, es ist sehr anstrengend für ihn.“
Die Nachrichten sind freilich nicht gerade ermutigend. Obwohl das Regime die Massenproteste mit brutaler Gewalt vorerst eindämmen konnte, hat das die prekäre Lage im Land nicht beruhigt. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist vielerorts zusammengebrochen. In der Stadt, aus der Mariam und Ali stammen, gibt es nicht einmal mehr Speiseöl zu kaufen. Viele Geschäfte sperren gar nicht mehr auf, weil sie durch die Hyperinflation ihre Waren nur mit Verlust verkaufen könnten. Und nun müssen viele Familie auch noch ihre Angehörigen begraben. Angehörige, die aus Wut über das Mullah-Regime und die Wirtschaftskrise auf der Straße protestierten und von Revolutionsgardisten erschossen wurden.
Tote Tochter im Auto versteckt
Viele der Opfer seien 16 oder 17 Jahre alt gewesen, sagt Ali: „Jungen und Mädchen, alle waren unbewaffnet.“ Das Regime lasse ihre Eltern sogar für die Kugeln bezahlen, mit denen die Kinder erschossen wurden, „sonst bekommen sie die Leichen nicht ausgehändigt“. Viele Opfer der Massaker würden heimlich begraben. Mariam weiß von einer Mutter, die ihre tote Tochter aus dem Spital stahl und mitnahm, um sie nicht den Behörden zu überlassen: „Sie hat die Leiche in ihrem Auto versteckt und dann selbst begraben.“
Auch wenn sich im Moment niemand zum Protest auf die Straße wage, so sei das Regime endgültig am Ende, sind Mariam und Ali überzeugt: „Es gibt kein Zurück“. Und mit den Mullahs werde im Iran auch ihre Religion untergehen, glauben sie. Heute sei „der Islam für die Menschen nur noch ein Symbol der Diktatur“, sagt Ali: „Die Iraner sind das erste Volk im Nahen Osten, das sich offen gegen den politischen Islam stellt.“
Aber was kommt nach den Mullahs? Demokratie? Oder Chaos?
Diese Frage werde nicht in Teheran sondern in Washington entschieden, ist sich das Paar aus der Leopoldstadt sicher. Einerseits von Donald Trump. Andererseits könne Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, tatsächlich noch eine wichtige Rolle spielen. Obwohl das weder Mariam noch Ali gefallen würde.

Mariam kommt aus einer Familie von Kommunistinnen und Kommunisten. Ihr Vater litt unter Repressionen unter der Herrschaft des Schahs. Ihr Onkel war zuerst unter dem Schah und dann wieder nach Khomeinis Revolution im Gefängnis eingesperrt. Alis Familie hingegen stand eher auf der monarchistischen Seite. Sein Vater diente unter dem Schah im Militär.
Hoffnung auf säkulares Leben
Ali hingegen hält nichts von einer Rückkehr zur Monarchie. Die jüngste Protestbewegung mit der Devise „Frau, Leben, Freiheit“ habe etwas Grundsätzliches verändert, sagt er: „Jung und alt sind jetzt gemeinsam auf der Straße. Sie wollen ein säkulares Leben in einer parlamentarischen Demokratie.“
Der Zwist über die Zukunft Irans nach dem Sturz des Mullah-Regimes geht jedoch quer durch die iranische Gemeinschaft – auch in Wien. Republikaner und Monarchisten demonstrieren getrennt und sogar gegeneinander. Bei einer Kundgebung der Monarchisten wurden linke Teilnehmer tätlich angegriffen. Bei der republikanischen Kundgebung vor dem Stephansdom durfte eine Teilnehmerin nicht das Bild des Schahs zeigen.
Angst vor dem Chaos
Auch wenn Mariam und Ali einen neuen Schah ablehnen: Sie verstehen, dass im Iran viele Menschen nun auf den im amerikanischen Exil lebenden Reza Pahlavi setzen. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst vor Chaos: „Die Iranerinnen und Iraner klammern sich an ihn, weil er zumindest einen Plan und eine Organisation hat“, sagt Ali: „Die Menschen haben Angst vor einem Bürgerkrieg.“
Wenn die beiden aus der fernen Leopoldstadt auf ihre alte Heimat blicken, so sehen auch sie die Gefahr einer chaotischen Übergangszeit, mit Bürgerkrieg, Aufständen ethnischer Minderheiten oder der Abspaltung von Regionen: „Wenn es keine organisierte Alternative gibt, kann das Land zerfallen“, sagt Mariam.
Trotz allem – und obwohl sie nun österreichischen Staatsbürger sind – denken beide über eine Rückkehr nach: Wenn es in Iran eine echte Demokratie gäbe, „würden wir zurückgehen und beim Wiederaufbau helfen“.
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.






