Viele Flächen vor Wiener Schulen sind immer noch dem Autoverkehr vorbehalten. Initiativen im 2. und 20. Bezirk versuchen, das nun zu ändern.
Text: Naz Küçüktekin

Foto: Christopher Mavrič
Man müsse sich die Situation eigentlich nur einmal in der Früh anschauen. Dann verstehe man schnell, wo das Problem liegt, sagt Martin Mayerl, vom Elternverein der Volkschule Darwingasse im Volkertviertel. Nämlich direkt vor dem Schultor.
Drei Bänke und sehr viel Straße
Der Vorplatz der Regenbogenschule ist klein. Mit acht Klassen ist es eine eher bescheidene Schule – und der Platz davor ist es auch. Ein paar Quadratmeter, zwei Säulen aus einem früheren Schulprojekt, drei Bänke und reichlich Straße rund um das Gebäude. Für die Kinder fehle hier der Platz, sagt die Schuldirektorin Lale Maierhofer-Tuna: „Wir haben nur einen Mini-Schulhof.“ Aber gerade bei einer Ganztagsschule „brauchen die Kinder einfach zwischendurch ein bisschen Luft.“
Es sind vor allem die Straßen, die Elternvereins-Vertreter Mayerl Sorgen bereiten. Auf der einen Seite die Pazmanitengasse, auf der anderen die Vereinsgasse, parallel dazu Heinestraße und Volkertstraße. „Obwohl es eine 30er-Zone ist“, sagt Mayerl, „wird trotzdem schnell gefahren – selbst wenn gerade Schulbeginn oder Schulschluss ist.“ Dazu kommt der tägliche Verkehr. „Fakt ist schon, dass sehr viele Kinder mit Autos gebracht werden“, sagt Mayerl.
Manche Fahrzeuge würden dort halten, wo sie eigentlich nicht stehen dürften. Es habe deshalb auch Beschwerden von Anrainer:innen gegeben. Für Mayerl ist das kein ideologischer Konflikt über das richtige Verkehrsmittel. „Es ist eine Sicherheitsfrage“, sagt er.

Genau solche Situationen will die Stadt Wien seit einigen Jahren eigentlich verändern. Unter der Initiative „Raus aus dem Asphalt“ werden Straßenräume entsiegelt, begrünt und auch Schulvorplätze neu gestaltet. Laut dem Büro der Verkehrsstadträtin Ulli Sima wurden seit 2022 21 Schulvorplätze umgestaltet und 13 neu errichtet. Insgesamt gebe es derzeit 93 Schulstandorte mit autofreien Vorplätzen.
Unterricht im Freien
Die Umgestaltung soll nicht nur den Verkehr beruhigen, sondern auch Aufenthaltsräume schaffen. Als Positivbeispiel nennt man im Büro der Stadträtin den Schulvorplatz in der Pfeilgasse beim Lisette-Model-Platz in der Josefstadt: Wo früher Autos parkten, gebe es heute Grünflächen, Sitzmöglichkeiten und Platz für Unterricht im Freien.
Laut Evaluierungen ist das allerdings weiterhin eher die Ausnahme. Auswertungen der Mobilitätsagentur Wien und der Initiative Wien zu Fuß zeigen, dass von 316 Volksschulen nur rund 97 über großzügige oder qualitativ hochwertige Vorplätze verfügen. Als solche gelten laut Studie Schulvorplätze mit ausreichend Platz pro Kind, verkehrsberuhigter Situation und Aufenthaltsqualität – etwa durch Begrünung oder Sitzmöglichkeiten.
Laut der Radlobby verfügten mit Stand Jänner 2026 zudem nur rund zehn Prozent aller Schulen in Wien über autofreie Schulvorplätze.
Schulstraßen als Alternative?
14 Schulen mit sogenannten Schulstraßen – also temporären Fahrverboten zu Schulbeginn und Unterrichtsende – führt die Radlobby zusätzlich an. Wo der Platz für einen klassischen Schulvorplatz fehlt, werden solche Schulstraßen oft als pragmatische Alternative erprobt.
Ein frühes Beispiel dafür ist die Vereinsgasse in der Leopoldstadt. Dort richtete die Stadt bereits 2018 vor der Ganztagsvolksschule ein Pilotprojekt ein. Durch ein temporäres Fahrverbot vor Unterrichtsbeginn sollte vor allem der Bringverkehr reduziert und die Sicherheit der Kinder erhöht werden. Mittlerweile wurden weitere Schulstraßen eingerichtet, das Konzept fand sogar Eingang in die Straßenverkehrsordnung.

Wie sich das im Alltag anfühlt, zeigt sich jedoch erst vor Ort.
In der Vereinsgasse funktioniert das Modell nur, wenn jemand die Straße tatsächlich absperrt. Elke Smolak-Koch vom Elternverein der GTVS Vereinsgasse beschreibt das sehr klar: „Ohne diese Scherengitter funktioniert das überhaupt nicht.“ Das Fahrverbot allein werde häufig ignoriert. Erst wenn physische Absperrungen aufgestellt werden, halte sich der Verkehr daran.
Diese Gitter würden meist vom Schulwart aufgestellt, manchmal auch von Freizeitpädagog:innen – eigentlich auf freiwilliger Basis. Fällt jemand aus, funktioniert die Regelung nicht mehr.
Trotzdem sieht Smolak-Koch klare Vorteile. „Es ist hundertmal besser, als wenn es das nicht gäbe“, sagt sie. Gerade nach Schulschluss sei der Unterschied spürbar. „Wenn die Kinder rauskommen aus der Schule, haben sie doch noch einmal das Bedürfnis nach Bewegung und nach Spielen.“
Immer wieder Konflikte
Doch wo Raum entsteht, entstehen auch Konflikte. Eltern berichten davon, Autofahrer:innen auf das Fahrverbot aufmerksam machen zu müssen. „Da kommt es immer wieder zu Streitereien“, sagt Smolak-Koch. In einem Fall sei es sogar zu einem Gerichtsverfahren gekommen.
Für Martin Mayerl zeigt genau das die Grenzen solcher Lösungen. Wenn Sicherheit davon abhängt, dass Eltern selbst Absperrungen organisieren und Konflikte austragen, sei das keine dauerhafte Struktur. „Dass eigentlich den Eltern wieder die Last aufverzwungen wird, das umzusetzen und zu realisieren“, sagt er. Viele hätten schlicht nicht die Zeit dafür. Er wünscht sich deshalb klare Verkehrsmaßnahmen.
Zu hohe Kosten?
Wie schwierig selbst kleinere Verbesserungen umzusetzen sind, zeigt ein Beispiel aus der Brigittenau. Dort brachten die Grünen im September 2025 einen Antrag ein, um die Situation vor der Volksschule in der Dietmayrgasse 3 zu verbessern. Ähnlich wie in der Darwingasse ist der Schulvorplatz hier ein etwas breiterer Gehsteig, umgeben von mehreren Straßen. Baulich getrennt wird der Bereich durch einen Metallzaun. Als „Käfig“ bezeichnet ihn die grüne Bezirksrätin und Bundesrätin Elisabeth Kittl.
„Die Aufenthaltsqualität der Schüler:innen ist auch den Eltern vor Ort wichtig – wir waren dort und haben mit vielen gesprochen. Ein Schulvorplatz durch Verschwenkung der Fahrbahn wäre relativ leicht möglich“, sagt Kittl und verweist auf entsprechende Planungsentwürfe. Der Antrag wurde in die Bezirksentwicklungskommission verwiesen und im November 2025 mit den zuständigen Magistratsabteilungen besprochen. Politisch wurde das Projekt allerdings als zu teuer bewertet. Vertreter:innen von SPÖ und FPÖ sahen den Nutzen im Verhältnis zu den Kosten als zu gering.


Auch in der Darwingasse sieht die Bezirksvorstehung Leopoldstadt die Situation anders als die Eltern. „Wir optimieren jedes Jahr Schulvorplätze, zuletzt in der Schönngasse. Derzeit prüfen wir gerade den Schulvorplatz in der Wolfgang-Schmälzl-Gasse“, sagt Bezirksvorsteher Alexander Nikolai (SPÖ). Die Darwingasse habe bereits einen gestalteten Bereich mit begrünten Baumscheiben und entsprechenden Übergängen, weitere Änderungen seien daher erzeit nicht geplant.
50 Quadratmeter reichen
Dabei klingen die Vorstellung eines Schulvorplatzes von Direktorin Lale Maierhofer-Tuna sehr pragmatisch. Kein großes Projekt, keine umfassende Umgestaltung. „Das muss ja gar nicht groß sein. Ja, 40, 50 Quadratmeter würden wahrscheinlich reichen.“ Ein freier Platz, vielleicht ein paar Hochbeete, ein paar Bänke. Ein Ort, wo man bei großer Hitze auch einmal Unterricht nach draußen verlegen kann.
Dass dieser Wunsch nicht nur von Erwachsenen kommt, zeigt eine Unterschriftenaktion, die kürzlich von Schüler:innen gestartet wurde. Rund 220 Unterschriften seien gesammelt worden. Wer unterschrieben habe? „Hauptsächlich Kinder“, sagt Direktorin Maierhofer-Tuna.
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.






