In einem Büro in der Praterstraße arbeiten die Gründer des einst beliebtesten Online-Community Österreichs an deren Wiederbelebung – als freundliche Alternative zu toxischen Sozialen Medien.
Text: Bernhard Odehnal, Fotos: Christopher Mavrič

Wolfgang Schüssel zeichnete eine schwarze Katze. Richard Lugner brachte ein Familienfoto mit Tochter Jacqueline und seiner damaligen Gattin „Mausi“. Andere Prominente schrieben Dankesworte für eine spannende Stunde im Chatroom: „Ich wollte gar nicht mehr aufhören zu chatten“.
Erinnerung an Pionierjahre
Es sind zwei dicke Bücher voller Erinnerungen an die digitalen Pionierjahre, die Marion Breitschopf und Michael Eisenriegler in ihrer Wohnung mit Büro im Nestroyhof aufbewahren: Erinnerungen an die Blütezeit der von Eisenriegler mit Freunden gegründeten „black•box“ – der ersten österreichischen Online-Community mit Breitenwirkung.
In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre war die Blackbox so populär, dass sich die damalige Prominenz aus Politik und Kultur darum riss, zu Online-Chats mit der Community eingeladen zu werden. Sogar der erzkonservative Bischof Krenn wollte mitmachen, „für ihn mussten wir aber nach St. Pölten fahren“, erinnert sich Eisenriegler.
„Alles wird super“
Die Blackbox bot aber nicht nur Promichats. Es gab Gruppen für Jugendkultur und Frauen, Kleinanzeigen und das erste Leserforum des „Standard“. Es gab sogar eine Pornogruppe – mit Zugang nur für Erwachsene. „Wir traten mit dem Geist an: Alles wird digital und alles wird super“, sagt Marion Breitschopf: „Das war halt sehr naiv“.
Der Siegeszug der Sozialen Medien bedeutete für die Blackbox den Todesstoß. Nach längerem Siechtum wurde die Plattform im November 2012 geschlossen – exakt zu ihrem 20. Geburtstag. Nun arbeiten Eisenriegler und Breitschopf an der Auferstehung. Warum? „Weil wir es können und weil es viele Leute wollen“.

Im ersten Stock mit Blick auf die Praterstraße basteln sie an der freundlichen Alternative zu Facebook oder Instagram. Draußen rauscht der Verkehr, hinter den beleuchteten Fenstern auf der anderen Straßenseite entwirft Architekt Gregor Eichinger vielleicht gerade eine neue Inneneinrichtung. Für Eisenriegler „läuft schon zu lange zu viel schief in den sozialen Medien“. Facebook sei „besonders übel“, fügt Breitschopf hinzu: „Die totale Willkür. Man wird gesperrt und weiß nicht, warum“.
Zwei Mitglieder müssen bürgen
Die neue Blackbox soll ganz ohne Algorithmus auskommen und durch die Beiträge der Community aufgebaut werden. Um Bots oder Trolls draußen zu halten, kann man Mitglied nur durch die Bürgschaft von zwei anderen Mitglieder werden. Nach der Probephase werden die User um einen finanziellen Beitrag gebeten.
So wie bei der alten Blackbox wird man dann Foren selbst gründen oder sich an bestehenden Foren anschließen können. Werbung soll es nicht geben. Um sich gegen Fake News zu schützen, werden bei Behauptungen stets Quellenangaben verlangt.
Wer sich nicht an den Verhaltenskodex hält, unhöflich oder unflätig wird, kann auch ausgeschlossen werden. Doch darüber solle ein von der Community gewählter Userrat entscheiden, sagt Eisenriegler.
Zurück zu wirklich sozialen Medien
Derzeit arbeitet ein kleines Team rund um Eisenriegler und Breitschopf an der technischen Umsetzung. Mit dabei sind Romana Cravos, Blackbox-Managerin der ersten Stunde in den 1990er Jahren, sowie der Programmierer Sebastian Ruttner. Das Startgeld für die neue Blackbox wollen sie über ein Crowdfunding holen, das noch bis 15. Dezember läuft. „We put the ‚Social‘ back into Social Media“ lautet die Parole. Der Zeitplan ist engagiert: Anfang 2026 möchte man mit etwa 1.000 Usern in den Probebetrieb gehen, im Mai in den Regelbetrieb.
Die Sozialen Medien seien ein großes Versprechen gewesen, das aber nicht eingelöst wurde, sagt Marion Breitschopf. Deshalb fühlten sich heute viele Menschen abgestoßen von Echokammern, Manipulationen, Aggression und Fake: „Wir wollen, dass sich die Leute in den Foren endlich wieder wohlfühlen. Das ist unser Geheimnis“. Wird es auch wieder Promichats samt Gästebuch geben? Michael Eisenriegler glaubt nicht, dass das heute noch interessant wäre: „Aber darüber haben wir noch nicht einmal nachgedacht.“
Unterstützung für das Projekt black•box:
https://www.respekt.net/projekte-unterstuetzen/details/projekt/2798/
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.






