In einem Lokal in der Brigittenau entstehen Zeichnungen, Freundschaften und Selbstvertrauen. Die Hobby Lobby gibt Kindern Chancen, die sonst oft fehlen.
Text: Bernhard Odehnal, Fotos: Christopher Mavrič

Als John-Siram seine Zeichnung herzeigt, zieht er dabei die Mundwinkel leicht nach oben. Es ist das erste Mal, dass sie bei ihrem Schüler ein Lächeln sehe, freut sich Heidi Lackner: „Monatelang ist er immer nur stumm im Kurs gesessen, ohne jegliche Regung“.
Mit Pinsel oder Buntstift
Der Kurs – das ist eine Stunde pro Woche Zeichnen oder Malen in den Räumen der „Hobby Lobby“ in der Brigittenau. Der Verein bietet für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen niederschwellige aber sinnvolle Nachmittagsaktivitäten an. Er hat in Wien mehrere Standorte, einen davon im 20. Bezirk in der Hartlgasse.
Elf Buben und Mädchen im Alter zwischen 9 und 13 Jahren sind an diesem Nachmittag gekommen. Sie bekommen je nach Wunsch Buntstifte oder Pinsel und bringen dann ihre eigenen Ideen zu Papier. Oder holen sich einen Vorschlag von Betreuerin Heidi Lackner.
Nachhilfe und Kampfsport
Die ehemalige ORF-Redakteurin hat Malen zu ihrem Hauptberuf gemacht und möchte die Begeisterung für Pinsel und Farben nun den Kindern weitergeben. In dem Erdgeschoß-Lokal eines Gemeindebaus geht sie jetzt von Tisch zu Tisch, gibt Ratschläge zum Umgang mit Wasserfarben oder zum perspektivischen Zeichnen. Für sie gehe es um das Gefühl, „dass die Kinder jemanden brauchen, der sie wahrnimmt“, sagt Lackner: „In der Schule ist oft zu wenig Zeit dafür“. Und immer wieder ist Lackner dann erstaunt, „wie hoch konzentriert die Kinder bei der Sache sind“.
Malen und Zeichnen ist nur ein Kurs von vielen, welche die Hobby Lobby in der Brigittenau anbietet. An einer Schautafel beim Eingang ist das Angebot aufgelistet: Montag gibt es Töpfern und Nachhilfe, Dienstag Kampfsport, Fußball oder Basketball, Mittwoch eine Fitness-Stunde und Donnerstag nach dem Malkurs auch noch ein KI-Labor. Freitag findet die Woche dann mit Tanzen, Singen oder Schauspielen ihren Ausklang.
Die Betreuer und Betreuerinnen wie Heidi Lackner arbeiten ehrenamtlich. Sie sei privilegiert aufgewachsen, ihre Eltern hatten das Geld für Ballett, Reitstunden oder Tennis, erzählt Lackner. Nun wolle sie etwas der Gesellschaft zurückgeben.
Gegründet wurde der Verein 2018 von Rosa Bergmann, die als Mittelschul-Lehrerin bei „Teach for Austria“ ein Problem erkannte: Viele ihrer Schülerinnen und Schüler langweilten sich unendlich in ihrer Freizeit und den Ferien. Weil ihre Eltern kein Geld für Tenniskurse oder den Eintritt ins Schwimmbad hatten, blieben die Kids von allen kostenpflichtigen Freizeitangeboten ausgeschlossen.
Bergmann beschloss daher, gemeinsam mit Gleichgesinnten diesen Jugendlichen kostenlose und niederschwellige Kurse am Nachmittag anzubieten. Sie startete das Projekt im 10. Bezirk und konnte es bald auf andere Bezirke erweitern.
Mehrfach mit Preisen ausgezeichnet
Mittlerweile ist aus der „Vienna Hobby Lobby“ ein richtiges Unternehmen geworden, das außer in Wien Standorte in fast allen Bundesländern, in Deutschland und in Rumänien hat. Und das für sein soziales Engagement mehrfach mit Preisen ausgezeichnet wurde.
Die Kurse der Hobby Lobby sind zwar gratis, aber nicht unverbindlich. Die Eltern müssen ihre Kinder anmelden und die Betreuerinnen und Betreuer achten genau, wer erscheint. Und wer nicht. Unentschuldigtes Fernbleiben wird auf Dauer nicht geduldet. Denn für die Anmeldung gibt es lange Wartelisten. Die Kurse der Hobby Lobby sind mittlerweile bekannt und begehrt.
Babylonisches Sprachgewirr
Die meisten Kinder in Heidi Lackners Kurs wohnen in der näheren Umgebung. Sie kommen jedoch aus ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Das Sprachgewirr an diesem Nachmittag ist babylonisch. Wortfetzen in Serbisch, Ukrainisch, Ungarisch, Deutsch fliegen durch den Raum. Sie hatte schon Kurse, in denen 15 verschiedene Sprachen gesprochen wurden, erzählt Lackner: „Viele Kinder können auch mehrere Sprachen, da kann jemand russisch und ukrainisch, jemand kann türkisch und noch eine Sprache. Manchmal reden sie englisch miteinander. Also Sprachwirrwarr komplett.“ Aber irgendwie verstehen sich doch alle. Zumindest sind alle bemüht.

Lackner lässt einige Kinder ein Portrait des Reporters zeichnen. Nach gut 50 Minuten begutachtet sie die Ergebnisse und ist sehr zufrieden. Die Brille, der Pullover, die kurzen Haare – „alles sehr gut getroffen“, lobt sie. Nur Wladislaw hat ein ganz anderes Motiv gewählt: Den Einsatz einer Sondereinheit gegen Drogendealer in einer U-Bahn-Station. Wlad kommt aus der Ukraine, „aus dem Donbass“, erklärt er auf Russisch. Nach Wien kam er mit seiner Mutter, ein Bruder ist in Rumänien, erzählt er. Der Vater sei gestorben.
Betreuer:innen werden gesucht
Auch Wlad spricht wenig, beugt sich lieber voll konzentriert über das Zeichenblatt. Würde er denn gerne in den Donbass zurückkehren? „Wenn der Krieg zu Ende ist, dann schon“, antwortet er. Dann stockt er kurz und fügt hinzu: „Aber unser Haus, das gibt es nicht mehr. Das ist zerstört worden.“
Im März startet die Hobby Lobby ins Sommersemester. Heidi Lackner wird in der Brigittenau wieder Kinder und Jugendliche in die faszinierende Welt der Malerei einführen. Für andere Kurse werden immer wieder Betreuerinnen und Betreuer gesucht, sagt Lackner: „Wir suchen immer Leute, die gerne ihr Hobby weitergeben würden.”
Link: https://www.hobbylobby.ngo/de/werde-kursleitung
Jetzt zum Newsletter anmelden

Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.







