Während heftig im Sozialbereich gespart und gekürzt wird, bleibt das Frauen*Wohn-Zentrum in der Leopoldstadt ein Ort für Frauen ohne festen Wohnsitz.
Text: Naz Küçüktekin

Das Haus in der Springergasse hat seine besten Jahre längst hinter sich. An manchen Stellen ist die Farbe vergilbt, an anderen blättert sie ab. Und dennoch sind es diese vier Wände, die dutzenden Frauen ein Dach über dem Kopf bieten – Frauen, die anderswo keines bekommen würden.
Über 20.000 Menschen obdachlos
Als Teil der Wohnungslosenhilfe der Caritas bietet das Frauen*WohnZentrum als einziges seiner Art Wohnraum für obdachlose Frauen. Was banal klingt, ist im System der Wohnungslosenhilfe alles andere als selbstverständlich. Im Jahr 2023 waren laut Statistik Austria 20.573 Menschen offiziell als obdach- oder wohnungslos registriert. 55 Prozent von ihnen lebten in Wien, 32 Prozent waren Frauen.
Der vergleichsweise geringere Frauenanteil erklärt sich jedoch nicht dadurch, dass tatsächlich weniger Frauen obdachlos sind, sondern vielmehr dadurch, dass weibliche Wohnungslosigkeit oft unsichtbarer bleibt. „Frauen suchen nicht so schnell Hilfe wie Männer“, sagt die Leiterin Barbara Unterlerchner, in der bescheidenen Küche des Hauses. Viele seien über lange Zeit verdeckt wohnungslos. „Sie leben oft in prekären Wohnverhältnissen, in Abhängigkeiten, manchmal schlafen sie heimlich am Arbeitsplatz. Klassische Notschlafstellen werden von Frauen kaum genutzt, weil sie nicht auf ihre Sicherheits- und Schutzbedürfnisse ausgelegt sind”, erklärt sie.
Fordernde Arbeit, 365 Tage im Jahr
Sicher und geschützt – genau so sollen sich die Bewohnerinnen des Hauses fühlen.
Rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, ist das Frauen*WohnZentrum geöffnet. Etwa drei Dutzend Mitarbeiterinnen arbeiten im reinen Frauenteam. „Das ist eine sehr fordernde Arbeit“, sagt Unterlerchner. Nachtdienste, Kriseninterventionen und die hohe psychische Belastung der Zielgruppe prägen den Arbeitsalltag.
Ein verpflichtendes Zuweisungssystem gibt es nicht, ebenso wenig Zielvereinbarungen oder eine Behandlungspflicht. Das Haus schließt eine Lücke für Frauen, die in anderen Einrichtungen oft keinen Platz finden. „Unsere Zielgruppe sind vor allem Frauen, die an psychischen und oder Suchterkrankungen leiden, und Frauen, die sich nicht von ihren Haustieren trennen wollen“, erklärt Unterlerchner. Hinzu komme, dass ihre Erkrankungen häufig chronifiziert seien. Krankheit, Armut und Wohnungslosigkeit greifen ineinander, betont Unterlerchner. „Armut macht krank.“ Gleichzeitig hält sich hartnäckig das gesellschaftliche Narrativ der individuellen Schuld. Dem entgegnet Unterlerchner: „Armut ist kein selbstverschuldeter Zustand.“

Im Frauen*WohnZentrum stehen 32 einfach ausgestattete Einzel-Wohneinheiten zur Verfügung, die die dort lebenden Frauen so lange bewohnen können, wie sie es brauchen. „Wir haben eine Frau, die seit über 20 Jahren da ist – quasi seitdem es das Haus gibt“, sagt Unterlerchner. Auch das ist Teil des Konzepts: Frauen können ausziehen, wiederkommen, bleiben. Viele der Frauen im Frauenwohnzentrum sind älter, viele 50 Jahre oder mehr. Viele sind EU-Bürgerinnen, deren Lebensläufe von Arbeitsmigration, später Erkrankung und schließlich vom Verlust sozialer Netzwerke geprägt sind.
Zimmerkontrollen gibt es nicht
Im Frauen*Wohn-Zentrum sollen Frauen einen Wohnort bekommen, der nicht an Anforderungen oder Ziele geknüpft ist. „Die Frauen bestimmen selbst, wie weit sie mit uns in Kontakt treten wollen“, sagt Unterlerchner. Zentral ist das Prinzip der Niederschwelligkeit. Die Frauen leben in eigenen Wohneinheiten, ohne Zimmerkontrollen, ohne verpflichtende Betreuung. „Das sind wirklich ihre Wohnungen hier.“
Ergänzt wird das Wohnangebot durch ein Tageszentrum, das Frauen*WohnZimmer, das an vier Tagen pro Woche geöffnet ist – für Bewohnerinnen ebenso wie für externe Frauen. Im “Wohnzimmer“, das aus einer Küche und ein paar ein Tischen und Sesseln besteht, können Frauen zum Essen oder auch einfach zum Verweilen vorbeikommen. Auch Waschmöglichkeiten und Kästen, wo Besucherinnen ihre Sachen sicher bewahren können, gibt es.
Sanierung in ferner Zukunft
Eigentlich gehöre im Haus schon vieles erneuert, sagt Unterlerchner. „Natürlich wären an manchen Stellen Sanierungsarbeiten gut, dafür bräuchte es mehr Ressourcen“, erklät sie. Doch angesichts der jüngsten Kürzungen im Sozialbereich ist das wohl ein Projekt für die fernere Zukunft.
In Wien kündigte die Stadt zuletzt Einsparungen von rund 200 Millionen Euro bei der Mindestsicherung an. Gleichzeitig sollen Förderungen für soziale Einrichtungen um bis zu 15 Prozent sinken – in der Sucht- und Drogenhilfe werden bereits Schließungen befürchtet. Entwicklungen, die auch Unterlechner sorgen bereiten. Die Kürzungen spüren wir auch in unserer täglichen Arbeit, vor allem belasten sie armutsbetroffene Menschen”, sagt sie.
Link: https://www.caritas-wien.at/hilfe-angebote/obdach-wohnen/wohnhaeuser/fuer-frauen/frauenwohnzentrum/
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.






