Der aus Syrien stammende Fotograf Louai Abdul Fattah, 29, hat das „Fotostudio & Fotolabor Soyka“ auf der Praterstraße übernommen – und will Service in den Mittelpunkt stellen.

Als ich jung war, wollte ich unbedingt Elektrotechnik lernen, eine IT-Ausbildung machen, jedenfalls irgendwie mit dem Computer arbeiten. Mein Vater hat in Damaskus drei Fotogeschäfte betrieben. Da habe ich natürlich ein wenig mitgearbeitet und auch viel gelernt. Aber als Beruf konnte ich mir das damals gar nicht vorstellen.
Angekommen am Wiener Hauptbahnhof
Vor zehn Jahren dann, 2015, als ich nach meiner Flucht aus Syrien in Wien gelandet bin und am Hauptbahnhof die Leute von Train of Hope kennengelernt habe, war das schon anders. Damals hat mich jemand gefragt, was ich einmal machen will. Und ich kann mich bis heute erinnern, was ich da gesagt habe: ein Fotogeschäft! Ich will ein Fotogeschäft führen. Und genau das mache ich jetzt, mein eigenes Fotogeschäft.
Mit 1. Jänner habe ich das Geschäft von Thomas Soyka in der Praterstraße übernommen, also „Foto Soyka“ mitsamt dem Fotostudio und dem Fotolabor. Thomas Soyka hatte schon seit längerem einen Nachfolger gesucht, aber niemanden gefunden, dem er das zugetraut hätte. Über die Wirtschaftskammer habe ich von seiner Suche erfahren und mich bei ihm beworben. Wir sind uns dann recht schnell einig geworden. Bis Ende März steht mir Thomas noch helfend zur Seite. Anschließend werde ich es alleine schaffen.
Lehre bei „Franz & Sue“
Seit genau zwei Jahren bin ich jetzt österreichischer Staatsbürger. Ich habe im Architekturbüro „Franz & Sue“ eine Lehre als bautechnischer Zeichner absolviert und bis vor kurzem dort auch gearbeitet. Nebenher habe ich mein eigenes Fotostudio betrieben und viele Menschen, viele Events und auch immer wieder Architektur fotografiert.
Ein Fixpunkt in meinem Arbeitsjahr war und ist auch weiterhin der Flüchtlingsball im Wiener Rathaus. Da baue ich immer meine eigene Fotobox auf, einen Fotoautomat, der hochauflösende und perfekt belichtete Erinnerungsfotos schießt. Das ist inzwischen eine richtige Institution, da warten die Menschen in langen Schlangen auf ihren Moment.
Alte Fotos werden restauriert
Dass ich jetzt ein richtiges Geschäft habe, ist natürlich eine ganz besondere Herausforderung. Ich habe viele Ideen, viele Pläne. Ich will das Fotostudio adaptieren und auch zur Vermietung bereitstellen. Ich werde das Fotolabor weiter betreiben und dabei natürlich auch das Potential der Künstlichen Intelligenz intensiv nutzen. Immer wieder kommen Menschen mit alten Fotos, die sie modernisiert haben wollen, also zum Beispiel schwarz-weiß auf Farbe. Oder Kratzer und Flecken entfernen.
Abgesehen vom Kamera-, Film- und Rahmenverkauf steht im Geschäft vor allem der Serviceaspekt im Mittelpunkt: Menschen brauchen nicht nur Beratung, sondern manchmal auch wirklich Unterstützung. Wenn jemand aus irgendeinem Grund nicht aus dem Haus gehen kann, aber dringend Passfotos braucht, dann werde ich natürlich auch Hausbesuche machen.

Von den Läden, die mein Vater in Damaskus betrieben hat, ist heute nichts mehr übrig. Das liegt alles in Schutt und Asche. Vieles wurde gestohlen. 2016 ist er mit der Familie nach Wien gekommen. Seither ist unsere Kernfamilie – Eltern und wir sechs Geschwister – komplett in Wien.
Der Vater soll mitarbeiten
Ich würde mich sehr freuen, wenn ich das Geschäft möglichst schnell so gut zum Laufen bringe, dass ich meinen Vater anstellen und beschäftigen kann. Wer als anerkannter Flüchtling drei Jahre Berufstätigkeit nachweisen kann und keine staatlichen Hilfen bezieht, kann sich um die Staatsbürgerschaft bewerben. Das wäre natürlich wünschenswert.
Mein Leben im zweiten Bezirk genieße ich sehr, auch wenn ich abseits der Arbeit wenig in der Öffentlichkeit bin. Ich wohne in einem Gemeindebau in der Nähe vom Nordbahnhof, bin also mitten in der Stadt: Die U1 und die U2 sind vor der Tür, es gibt jede Menge Straßenbahnen, perfekt.
Viele Freunde, viel Familie
Die meiste Freizeit verbringe ich aber mit der Familie. Lokale besuche ich inzwischen nur noch selten. Früher war ich viel unterwegs. Ich hab viele Bekannte in der Stadt und auch wirklich gute, enge Freunde. Aber jetzt hat eine neue Lebensphase für mich begonnen: die erwachsene Zeit. Ich muss mich jetzt auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Links:
www.louaiabdulfattah.com
www.fotosoyka.at
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







