Markus Marterbauer, 61, wuchs in Oberösterreich auf und lebt seit 25 Jahren in der Leopoldstadt. Zu seinem Arbeitsplatz in der Innenstadt geht er gerne zu Fuß.

Meine Eltern sind 1960 zum Arbeiten nach Schweden gegangen, als Gastarbeiter aus Oberösterreich, also in der Hoffnung auf bessere Löhne. Mein Vater war Maschinenschlosser. Meine Mutter Schneiderin.
Verbundenheit mit Schweden
Kurz bevor es wieder zurück nach Laakirchen ging, bin ich 1965 in Uppsala auf die Welt gekommen. Ich war also nur ein paar Monate dort, aber das hat trotzdem starke Spuren hinterlassen. Ich habe Freundinnen und Freunde in Schweden. Ich mache dort gerne Urlaub und habe meine Diplomarbeit über die erfolgreiche schwedische Budgetkonsolidierung geschrieben. Und heute, als Finanzminister, erlebe ich bei den monatlichen Ratstreffen „Wirtschaft und Finanzen“ eine besondere Verbundenheit mit den Kolleg:innen aus den skandinavischen Ländern.
Bis heute sehe ich meinen Job als eine reizvolle Herausforderung. Seit genau einem Jahr, seit dem 3. März 2025 bin ich nun Finanzminister. Und lerne Tag für Tag dazu. Ich hatte ja zuvor schon guten Einblick in das Funktionieren von Wirtschafts- und Budgetpolitik. Jahrelang war ich als Wirtschaftsforscher und dann als Chefökonom der Arbeiterkammer ein Budgetexperte. Aber jetzt geht es bei vielen Dingen sehr viel tiefer in die Details, in die Geschichte aller möglichen Aspekte, die mich zuvor auch schon beschäftigt haben.

Natürlich ist das auch anstrengend, alleine schon aufgrund der Taktung. Jeden Tag zehn bis 15 Termine. Man springt von früh bis spät von einem Thema zum anderen. An manchen Tagen komme ich wirklich nur noch zum Schlafen nachhause.
Eine halbe Stunde Bewegung
Ich wohne mit meiner Frau Christine seit 25 Jahren in der Leopoldstadt. Was mich dort und ebenso in der Brigittenau fasziniert, ist die Dynamik, aber auch das Diverse. Beide Bezirke sind stark durch Zuwanderung geprägt und profitieren erheblich davon. Ich bin aus Oberösterreich kommend in Wien ja selbst ein Zugewanderter.
Die zentrale Lage erlaubt mir, dass ich zu Fuß in die Arbeit gehe. So habe ich schon mal eine halbe Stunde Bewegung. Das tut gut. Auf dem Weg begegne ich Menschen, die mich grüßen, die mich anreden. Das sind durchgehend sehr positive Begegnungen, mit freundlichen Menschen, mit viel Anerkennung.
Ins Lokal nur in Begleitung
Ich erhole mich in der Natur beziehungsweise mit Kultur. Wir bemühen uns, einmal die Woche in ein Konzert, ins Kino oder ins Theater zu gehen. In Lokale gehen wir selten, gerne beispielsweise ins Ansari.
Ich bin froh, dass mich meine Frau begleitet, alleine könnte ich abends nicht mehr unterwegs sein. Ich hätte keine Minute für mich, ich wäre ständig in Gespräche verwickelt. Mit einem Familienleben wäre mein Job nur sehr schwer vereinbar. Unsere Kinder sind aber inzwischen 18 und 21 Jahre alt, die brauchen uns nicht mehr so intensiv.

Für mich selbst ist die Politik eben nur ein Lebensabschnitt: 2030 werde ich 65 Jahre alt sein. Mit meiner Frau ist – bis auf Weiteres – vereinbart, dass dann Schluss ist. Ich will irgendwann auch wieder in Ruhe Bücher lesen und Artikel schreiben.
Der Vorteil des Alters
Nichts mehr beruflich werden wollen, das ist natürlich ein Vorteil des Alters. Ich bin als 60-Jähriger ins Amt gekommen, kann also entspannt sagen, was ich mir denke. Mit 30 hätte man in schwierigen und heiklen Situationen womöglich auch nachgedacht, was das für die eigene Karriere, für die Zukunftsplanung bedeutet. Jetzt bin ich auf das Wesentliche konzentriert: Das Budget sozial gerecht zu sanieren.
Und das hat sich im vergangenen Jahr gelohnt. Das Doppelbudget und der Stabilitätspakt sind uns gelungen. Die Inflationsrate ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken, die Konjunktur erholt sich, das Budgetdefizit ist reduziert. Welche Auswirkungen der Krieg im Iran haben wird, lässt sich im Moment noch nicht abschätzen.
“Was die so oft geforderten großen Reformen betrifft, bin ich skeptisch.”
Wir lösen die wirtschaftlichen Probleme also Schritt für Schritt. Medial wird das noch nicht ausreichend rezipiert. Defacto aber arbeiten wir sehr effektiv und erfolgreich, alle sind ernsthaft bei der Sache. Und eben nicht nur, wie uns gelegentlich unterstellt wird, um Kickl vom Kanzleramt fernzuhalten.
Was die so oft geforderten großen Reformen betrifft, bin ich skeptisch. Was soll das denn sein? Etwa das, was Schröder und Fischer in Deutschland mit dem Pensionssystem gemacht haben? Facharbeiter oder Facharbeiterinnen in Deutschland bekommt heute nur die Hälfte der Pension von jenen in Österreich. Das kann ja kein Vorbild sein. Wir haben hingegen Anpassungen in kleinen, sozial verträglichen Schritten umgesetzt, um die Finanzierbarkeit des sozialen Pensionssystems zu sichern. Bis 2029 gerechnet sparen wir dabei immerhin zwei Milliarden Euro.
Ein anderes, mir sehr wichtiges Thema: der extrem schädliche Steuerbetrug! An einem konkreten aktuellen Beispiel: Mindestens 50 Gastwirte mit rund 150 Betrieben haben mithilfe einer Manipulationssoftware ein Betrugsschema zur Steuerhinterziehung implementiert. Wir haben die Finanzpolizei ermutigt, mit Nachdruck in dieser Sache tätig zu werden. Wir haben zuletzt sogar noch Ressourcen verschoben, um sie dabei zu unterstützen. Jetzt wurden die ersten Erfolge sichtbar.
270 Millionen mehr
Bis Ende des Jahres werden allein durch die Betrugsbekämpfung und das Schließen von Steuerschlupflöchern etwa 270 Millionen Euro mehr eingenommen. Das schlägt Wellen, die durchaus in meinem Sinn sind. Einerseits führt es zu Selbstanzeigen, gar nicht wenige haben diese Option gewählt.
Andererseits haben die Maßnahmen den wünschenswerten Effekt, dass sie die Steuermoral im Land generell erhöhen. Warum soll ich zahlen, heißt es oft, wenn sich’s die anderen richten können? Diese Frage soll man sich in unserem Staat nicht stellen müssen. Der Sozialstaat muss solidarisch und gemäß der individuellen Leistungsfähigkeit finanziert werden. Auch deswegen ist es wichtig, dass die Finanz da tätig wird.
Klimathema ist unterbelichtet
An solchen Reformschritten messe ich Sinn und Zweck unserer Koalition. Österreich hat sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vom Armenhaus zu einem der reichsten Länder Europas entwickelt. Diese Erfolgsgeschichte ist ganz wesentlich auch auf Kompromisse gebaut. Insofern sehe ich als einzigen Schwachpunkt unserer Koalition – quasi als Manko bei diesem Kompromiss – den Umstand, dass die Grünen nicht dabei sind: Das Klimathema ist ernsthaft unterbelichtet.
Ich habe als Autor meine gesellschaftspolitischen Vorstellungen schon lange vor meiner Zeit in der Regierung immer wieder skizziert. Zuletzt etwa 2022 in dem Buch „Angst und Angstmacherei“ mit meinem Kollegen Martin Schürz. Da haben wir auch vorgerechnet, dass schon moderat bemessene Erbschafts- und Vermögenssteuern den Sozialstaat auf ein Niveau bringen und halten könnten, das den Menschen ihre Ängste nimmt und Hoffnung macht.
Für Erbschafts- und Vermögenssteuer
Alles spricht für die Einführung dieser beiden Steuern. Und wenn man das richtig argumentiert und die Mittel aus der Erbschaftssteuer zum Beispiel zweckgebunden der Pflege widmet, dann bekommt man dafür im Land auch eine Mehrheit. Nun bin ich aber Realist und weiß, dass ich im Nationalrat in dieser Legislaturperiode diese Mehrheit nicht finden werde.
Also bleibe ich zuversichtlich: Erbschafts- und Vermögenssteuern werden kommen. Weil wir sie brauchen.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Link:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/angst-und-angstmacherei-9783552076150-t-5778
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Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







Gratuliere zu diesem interessant gestalteten Artikel.