Julia Binder, 41, ist Alleinerzieherin und Triathletin. Als Kassenhebamme betreut sie Familien in der Leopoldstadt und in der Brigittenau.

Eigentlich wollte ich immer einen medizinischen Beruf erlernen. Ich bin am Land aufgewachsen, im Weinviertel, in Platt. Nach der Matura wollte ich weg von dort, in die Stadt. Leben am Land bedeutet für junge Menschen: Null Möglichkeiten! Du hast nur eine Wahl: entweder ein Auto kaufen oder eingesperrt bleiben.
Ehrenamtliche Rettungssanitäterin
Also bin ich mit 18 nach Wien gezogen. Und seither lebe ich da und bin glücklich. Ein Studium konnte ich mir damals aber nicht leisten. Und so bin ich im Versicherungswesen gelandet und später dann in der Vermögensberatung. Parallel dazu habe ich als Rettungs- und Notfallsanitäterin gearbeitet, für das Rote Kreuz und den Arbeitersamariterbund. 10 Jahre lang und immer ehrenamtlich.
Dabei habe ich eine Zusatzausbildung nach der anderen gemacht. Großschaden- und Katastrophenleiterin, Notfallkompetenz Arzneimittel, Notfallkompetenz venöser Zugang. Bis ich mich schließlich mit 400 anderen für den Bachelor-Studiengang Hebamme in Krems beworben habe. 20 von uns wurden aufgenommen.
Nah am Leben und nah am Tod
Jetzt arbeite ich schon seit zehn Jahren als Hebamme. Der Beruf ist heilig und entspricht meiner gesamten Persönlichkeit. Ich kann mit viel Hingabe viel tun. Wir Hebammen halten das Leben in Händen, wir sorgen dafür, dass das Leben gut starten kann. Historisch waren wir immer nah am Leben und nah am Tod. Verhütung, Abtreibung, Aufklärung, der Kampf um Frauenrechte, die Kenntnis der Heilkräuter, das Wissen um den weiblichen Körper – seit hunderten von Jahren sind das unsere Themen. Lange genug wurden Hebammen gerade deswegen auch als Hexen verteufelt, verfolgt und verbrannt.
Ich bin zwar nicht Hebamme geworden, weil ich Feministin bin. Aber für mich gehört der Feminismus selbstverständlich zum Beruf. Wir sind nun einmal diejenigen, die Frauen schützen und sie stärken. Deshalb ist mir auch die Aufklärungsarbeit so wichtig. Das Projekt Kind ist ein Projekt von zwei Menschen, das mit viel Denkarbeit und viel Care Arbeit verbunden ist. Und diese Arbeiten müssen von Beginn an fair aufgeteilt werden.

Viel zu oft tappen Mütter im ersten Jahr in eine Falle, aus der sie nur schwer wieder herausfinden: Sie sind für alles verantwortlich und wenn sie später dann wieder arbeiten gehen, bleibt alles an ihnen hängen. Manche Männer reagieren dann echt beleidigt, wenn ich sie frage, ob sie eh wissen, wie der Geschirrspüler und die Waschmaschine funktionieren.
Als Kassenhebamme bin ich für den 2. und den 20. Bezirk zuständig und betreue etwa 100 Familien pro Jahr. Theoretisch beginnt der zeitliche Rahmen meiner Betreuung mit der Familienplanung und reicht bis zum Ende des ersten Lebensjahres. Defakto melden sich die meisten aber erst ab der sechsten, siebten Schwangerschaftswoche bei mir. Bei den Geburten kann ich selbst nicht dabei sein, weil sich das mit meiner eigenen Familie nicht vereinbaren lässt. Ich bin Alleinerzieherin von zwei Buben, dem bald sechsjährigen Oscar und dem achtjährigen Emil. Insofern muss ich leider bestätigen, dass unser Beruf nicht wirklich familienfreundlich ist.
Stadtleben zum Genießen
Für das Familienleben sind dafür die Stadt und insbesondere unsere beiden Bezirke ideal. Wir wohnen in der Brigittenau, nahe der Haltestelle Traisengasse. Fast alle unsere Wege erledigen wir mit Fahrrad und Roller. In der Früh bringen wir den Achtjährigen gemeinsam in die Integrative Lernwerkstatt auf der Vorgartenstraße. Dann fahren der Fünfjährige und ich weiter in den Kindergarten auf die Taborstraße. Die Kinder genießen das Stadtleben zum Glück genauso wie ich.
Das Milieu, in dem ich mich anschließend arbeitend bewege, ist schon sehr spezifisch: geschätzt 80 Prozent der Frauen, die bei mir landen, sind Akademikerinnen, lesen den Falter und wählen Grün. Die Väter gehen mindestens in den Papa-Monat, manche aber auch in die geteilte Karenz. Insofern habe ich es zum Glück oft mit sehr reflektierten Menschen zu tun, die verstehen, dass Care Arbeit geteilt werden muss.

Das System der Kassenhebammen funktioniert in Wien erst seit fünf Jahren in ausreichendem Ausmaß. Früher gab es für ganz Wien nur 18 Kassenstellen, während in Niederösterreich für gleich viele Geburten 83 Kassenstellen verfügbar waren. Mittlerweile ist das ausgeglichen.
Theoretisch sind wir über die Website hebammen.at dann auch gut zu finden. Aber leider zeigt sich in der Praxis immer noch, dass viel zu wenige von unserer Existenz wissen. Nicht zuletzt resultiert die hohe Akademikerinnenrate unter meinen Klientinnen wohl auch aus dieser Wissenslücke.
Salsa und Sauerteig
Wie ganz viele andere Bobos pflege auch ich seit der Corona-Zeit einen Sauerteig und backe damit mein eigenes Brot. Wirklichen Ausgleich zur Arbeit finde ich aber neben dem Salsatanzen und dem Lesen zunehmend mehr im Sport. Ich war nie besonders sportlich. Allerdings hat mich Geschwindigkeit schon immer fasziniert. Ich bin daher sehr gern und viel Motorrad gefahren. Jetzt bin ich seit zwei Jahren als Triathletin aktiv. Zweimal war ich schon beim Vienna Triathlon dabei.
Auf die Idee hat mich unser Babysitter gebracht, der mich jetzt auch beim Schwimmtraining unterstützt. Dass ich jemals mit 400 anderen Menschen durch den Neusiedlersee kraulen werde, hätte vor wenigen Jahren ja noch niemand gedacht. Ich war fast wasserscheu. Und vom Laufen war da auch noch keine Rede.
Krafttraining am Morgen
Mittlerweile habe ich mich zuhause komplett eingerichtet. Es gibt ein Laufband, Geräte fürs Krafttraining und demnächst einen Rollentrainer fürs Fahrrad. So kann ich den Sport in der Früh zuhause machen bevor die Buben aufstehen. Wenn ich am Wochenende auf der Donauinsel laufen will, sind die beiden mit Fahrrad und Roller dabei. Wie gesagt: ich liebe mein Leben in Wien.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
https://hebammejulia.wien/hebamme/
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at






