Cappar Hajo, 37, leitet die Wiener Bildungsakademie in der Praterstraße und sorgt sich um seine kurdischen Verwandten im syrischen Rojava.

Wohin ich auch reise, ich finde immer irgendwo ein Bett. Kurden leben über die ganze Welt verstreut. Mein Vater hatte 23 Geschwister, meine Mutter fünf. Ich habe viele Verwandte in Syrien, aber auch in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz, in Norwegen, in den USA und in vielen anderen Ländern. Ciwan Haco zum Beispiel, ein Cousin meines Vaters und der heute wohl bekannteste kurdische Sänger der Welt, lebt in Schweden.
Rettung durch Bruno Kreisky
Die meisten Verwandten mussten ihre Heimat in den 1970er und 1980er Jahren verlassen. In Syrien lebende Kurden hatten keine Staatsbürgerschaft, ihre Sprache war verboten, ihre Lage war politisch wie auch ökonomisch prekär.
Mein Vater Brusk und sein Bruder Hejar konnten sich dank einer Initiative von Bruno Kreisky 1976 nach Österreich retten. Bis dahin hatten sie als Peschmerga bewaffnet gegen staatliche Unterdrückung gekämpft. Bis zu seinem Tod 2013 hat unser Vater kaum etwas über diese sehr schweren Jahre erzählt. Er wollte uns damit wohl nicht belasten.
Geboren in Simmering
Ich bin 1988 in Wien geboren, in Simmering. Die Hebamme, die mich zur Welt gebracht hat, war eine Schwägerin meiner Mama. Mit 16 hatte ich meinen ersten Job, beim Interspar, Leergut räumen und an der Kassa sitzen. Nach der Matura war ich Werkstudent bei der Bank Austria. Der Abschluss – Internationale Betriebswirtschaft – steht aber noch aus.
Seit 2010 habe ich mich in diversen Wahlkämpfen für die SPÖ engagiert. Seit 2016 arbeite ich in der Wiener Bildungsakademie auf der Praterstraße. Seit dem 16. Oktober 2023 bin ich Direktor. Und damit für politische Erwachsenenbildung im Allgemeinen und insbesondere auch für die Wiener Parteischule verantwortlich. Seit 100 Jahren – unsere Institution wurde 1925 als eine Bezirksorganisationsstelle erstmals urkundlich erwähnt – halten wir mit unserer Arbeit die Grundwerte soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Gleichheit hoch.
Pendler über den Donaukanal
Ich lebe mit meiner Verlobten im 3. Bezirk, bin dort auch Bezirksrat und für die Sektion im Weißgerberviertel zuständig. Im beruflichen Alltag pendle ich also ständig hin und her über den Donaukanal. Kulinarisch bin ich ebenfalls doppelt gepolt. Einerseits lockt die Praterstraße mit ihren vielfältigen, vor allem auch asiatischen Angeboten. Gern bin ich beim Koreaner vis-a-vis, bei den diversen Chinesen, im Goldenen Papagei und im Sommer auch gerne im Duzi’s, dem Shisha-Lokal unten im Haus.
Andererseits habe ich die Küche meiner Mutter. Sie lebt mit meiner schwer behinderten Schwester nach wie vor in unserer Wohnung in Simmering. Ich bin oft bei den beiden und dadurch kulinarisch einschlägig bestens bedient. Den kurdischen Bohneneintopf mit Fasoli, gefüllte Weinblätter, gefüllte Melanzani – so gut wie bei meiner Mama würde ich das in keinem Lokal der Stadt kriegen.

Das Kurdische war und ist immer wichtig in unserer Familie. Der Dreiklang kurdische Identität, kurdischer Staat, kurdische Politik prägt seit jeher die Kommunikation. Seit ein paar Wochen ist das Thema aber so dominant wie kaum zuvor.
Wieder Krieg in Rojava?
Eines Abends habe ich meine Mutter weinend angetroffen. Sie hatte gerade mit ihrem Bruder und ihrer Schwester telefoniert. Die beiden leben so wie viele andere Verwandte auch in Kamishli, einer multiethnischen Stadt im demokratischen Selbstverwaltungsgebiet Rojava. Sie fürchteten, dass der Krieg kommt, dass sie flüchten müssen, dass ihnen dabei der Weg in den Irak abgeschnitten wird. Die beiden sind 73 und 67 Jahre alt.
Im selben Haus wohnt auch eine Schwester meines Vaters. Meine Mutter hält Kontakt mit den Verwandten über WhatsApp. Das funktioniert zum Glück meistens. Ich sitze oft daneben, höre mit, kriege also Tag für Tag live ihre Berichte mit.
Erinnerung an Massaker
1988, also in dem Jahr, in dem ich in Wien geboren wurde, hat Saddam Hussein die hauptsächlich von Kurden bewohnte Stadt Halabdscha mit Giftgas bombardieren lassen. Halabdscha war ein Zentrum des kurdischen Widerstands gegen die Zentralregierung in Bagdad. Damals starben tausende Menschen. Dieses Massaker hat sich in das kollektive Gedächtnis der Kurden eingebrannt. Die Angst steckt uns bis heute in den Knochen.
Abgesehen davon ist auch der Alltag kaum mehr zu bewältigen. Cousins und Cousinen schildern uns immer wieder die dramatische Lage. Die galoppierende Inflation treibt sie in die Armut, sie bekommen fast nichts mehr für ihr Geld.
Kein Strom und keine Heizung
Ein Cousin hat ein Bekleidungsgeschäft, das jetzt praktisch still liegt. Es gibt keinen Strom, keine Heizung, die Lieferketten sind kaputt, er kriegt keine Ware mehr. Es fehlt an Medikamenten, an Nahrung, an Bekleidung. Und dazu kommt die Angst, dass die syrische Armee zuschlagen könnte.
All das ist natürlich auch für uns in Österreich relevant. Diverse Populisten versuchen, Syrien als sicheren Staat zu branden, damit sie ihre Abschiebepläne umsetzen können. Da muss man mit Aufklärung strikt dagegenhalten.
Im Dezember 2024 ist das Assad-Regime nach 54 Jahren überraschend kollabiert. Davor herrschte 13 Jahre Bürgerkrieg. Glaubt denn wirklich irgendjemand, dass jetzt, 15 Monate nach al-Assads Sturz, der Staat wieder in Ordnung ist? Noch hat sich für die Kurden nichts verbessert seit der syrische Interimspräsident Ahmed al-Scharaa heißt.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Link:
www.wiener-bildungsakademie.wien
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at







