Hinter verschlossenen Türen tüfteln Beamte der Gemeinde Wien an einer Umbenennung des neuen Stadtteils. Dabei hätten Anrainer:innen schon einige gute Ideen.
Text: Bernhard Odehnal

Ein knallrotes Schild verkündet „Freimachung Nordwestbahnhof“. Dahinter wühlen sich gelbe Komatsu-Bagger durch das Erdreich. Ende 2026 soll mit dem Bau der ersten Häuser begonnen werden. Die Güterhallen, die hier einst standen, sind längst verschwunden, die Freimachung ist weit fortgeschritten (Zwischenbrücken berichtete). Im nördlichen Teil des Geländes sind kaum noch Spuren des einstigen Bahnhofs zu sehen.
Arbeitsgruppe und PR-Agentur
Geht es nach dem Willen der Stadt Wien, soll nicht nur der Bahnhof verschwinden, sondern auch sein Name. „Nordwestbahnviertel“ wäre zwar naheliegend für das neue Quartier auf dem alten Eisenbahngelände, in dem in ein paar Jahren 16.000 Menschen leben und arbeiten werden. So soll es aber nicht heißen.
Unter Leitung der Magistratsabteilung 21B (Stadtteilplanung und Flächennutzung in den Bezirken 2 und 20 bis 22) grübeln Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Magistratsabteilungen über einem neuen Namen für den neue Stadtteil. Weil das offenbar sehr schwierig ist, wurde außerdem eine PR-Agentur mit Konzept und Umsetzung des Namensfindungsprozesses beauftragt. Die Öffentlichkeit bleibt hingegen vorerst ausgeschlossen.
Namensfindung für knapp 10.000 Euro
Warum braucht der nicht gerade kleine Apparat der Gemeinde Wien für die Namensfindung einen externen Dienstleister? Was kosten dessen Dienste? Und wurde der Auftrag ausgeschrieben? Eine Antwort gab die MA21 erst, nachdem Zwischenbrücken einen Antrag nach dem neuen Informationsfreiheitsgesetz (IFG) gestellt hatte: Demnach wurde die Wiener Agentur „P & B“ mit der „systematischen und methodischen Vorbereitung und Konzeption, Moderation und Begleitung und einer Nachbereitung“ der möglichen Namensfindung beauftragt. Zusätzlich „wurde die Ausarbeitung von Namensvorschlägen verlangt“. Die Auftragssumme belaufe sich auf 9.100 Euro netto – ein überraschend niedriger Betrag. Da dieser unter 100.000 Euro liege, wurde der Auftrag nicht ausgeschrieben, so die MA 21.
Welche Namen die Agentur bisher vorgeschlagen hat, bleibt geheim. Zwischenbrücken konnte nur in Erfahrung bringen, dass es bis spätestens Sommer 2026 einen geben soll.

Aber warum braucht das neue Quartier überhaupt einen neuen Namen? Ein Argument gegen die Umbenennung wäre, dass der Name „Nordwestbahnviertel“ den Bezug zur historischen Bedeutung des Areals bewahren würde.
Immerhin kamen mit den Kühlwaggons der Nordwestbahn zum ersten Mal Meeresfische und Bananen nach Wien. Bis vor fünf Jahren war hier ein zentraler Güterbahnhof, von dem aus Weißware wie Kühlschränke und Waschmaschinen in der ganzen Stadt verteilt wurde. Die Bedeutung des Bahnhofs für die Stadt ist im Museum Nordwestbahnhof gut dokumentiert, ebenso im Buch „Blinder Fleck Nordwestbahnhof“.
Verwechslung mit dem Nordbahnviertel
Es gibt freilich auch ein gutes Argument für eine Umbenennung: Nämlich, dass der Name „Nordwestbahnviertel“ dem nahe gelegenen „Nordbahnviertel“ zu ähnlich wäre. Die Verwechslungsgefahr ist real. Schon heute machen wir in Gesprächen oft die Erfahrung, dass Menschen „Nordbahnviertel“ sagen, aber das Gelände des Nordwestbahnhofs meinen. Oder umgekehrt.
Bloß: Muss die Namensfindung wirklich hinter verschlossenen Türen stattfinden? Wäre das nicht ein super Thema für eine Bürger:innen-Beteiligung?
Zwischenbrücken möchte die Frage der Namensnennung öffentlich diskutieren. Vor Weihnachten haben wir deshalb unseren Mitgliedern eine Führung durch das Gelände angeboten und sie um Ideen gebeten, wie das Quartier in Zukunft heißen könnte.

Einige Leserinnen und Leser schlugen Namen vor, die sich auf die Geschichte des Areals beziehen, entweder auf den Bahnhof („Gleisgründe“), oder auf die Zeit vor der Donauregulierung, als sich hier durch eine weitläufige Auenlandschaft ein Arm des Flusses schlängelte („Fischviertel“).
Die Betreiber des Museums Nordwestbahnhof blicken noch weiter zurück – auf einen Ureinwohner dieses Grätzls: In der Donau schwamm hier der mächtige „Hausen“, ein bis zu 7 Meter langer und eineinhalb Tonnen schwerer Stör. Heute ist der beeindruckend große Fisch vom Aussterben bedroht, die vielen Kraftwerke versperren ihm den Weg aus dem Schwarzen Meer flussaufwärts. Dass das Nordbahnviertel zukünftig „Hausenhausen“ heißen könnte, ist jedoch eher unwahrscheinlich. Und vielleicht auch nur als Scherz gemeint.
Ein Viertel namens „Universum“?
Realistischer ist ein Name, der eigentlich auf der Hand liegt: „Zwischenbrückenviertel“. Tatsächlich lag der historische Ort jedoch nördlich des Nordwestbahnhofs. Was noch dagegen spricht: Schon jetzt heißt ein Teil der Brigittenau „Zwischenbrücken“ – nämlich das Gebiet rund um Dresdner und Engerthstraße.
Andere Leserinnen und Leser brachten den historischen Vergnügungspark ins Spiel, der 1842 ungefähr an jener Stelle errichtet wurde, an der heute das Bahnhofsareal an die Taborstraße grenzt. Mit seinem Tanzpavillon und diversen Hutschen und Buden war das „Universum“ lange Zeit ein beliebter Ausflugsort für die Wienerinnen und Wiener. 1870 musste es jedoch dem Bau des Nordwestbahnhofs weichen.
Als Erinnerung ist bis heute die „Universumstraße“ geblieben. „Universum-Viertel“ wäre ein klingender Name und würde dem neuen Viertel historisches Gewicht geben, schreibt eine Leserin.
Wir suchen weitere Ideen
Aber vielleicht gibt noch andere Ideen? Oder braucht es doch keinen neuen Namen, und der neue Stadtteil sollte weiterhin „Nordwestbahnviertel“ heißen? Schreib uns deine Meinung, hier in den Kommentaren oder als Mail: redaktion@zwischenbruecken.at
Wir werden jedenfalls alles dafür tun, damit die Gemeinde Wien von euren Vorschlägen erfährt!
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.






