Kann man kicken, ohne zu sehen? Und wie! In der Brigittenau trainiert Österreichs erstes Blindenfußballteam sogar bei Schnee und Eiseskälte.
Text: Sebastian Haller, Fotos: Christopher Mavrič

„Jeder Sehende kann irgendwo um die Ecke in einen Verein gehen oder im Käfig kicken. Und wir können das halt nicht.“ Das dachte sich die schwer sehbehinderte Bettina Sulyok noch vor ein paar Jahren. Heute steht die 50-jährige mit Fußballschuhen im Schneetreiben am Sportplatz Hopsagasse.
Knapp über Null Grad zeigt das Thermometer, die Sonne versteckt sich hinter grauen Wolken. Im Hintergrund rauschen die Autos der Donaukanal Straße. In kurzen Hosen stapfen einige Spieler:innen über das verschneite Areal. Es ist der Trainingsauftakt des ersten österreichischen Blindenfußballteams. Und Bettina ist dessen Kapitänin. „Es waren vier Wochen Pause. Das war definitiv zu lang!“
„Wirklich frei am Feld“
Normalerweise startet das Team locker ins Training. Aber weil heute Journalisten zuschauen, „starten wir gleich mit einem Match.“ Gespielt wird auf einem Kleinfeld mit fünf Personen am Feld und einem Torwart. Die Teams sind gemischt, Frauen und Männer spielen gemeinsam.
Am Feld wird eine blickdichte Maske getragen, um die verschieden starken Sehbehinderungen auszugleichen. Bettina hat etwa einen „Sehrest von 0,08 Prozent, also weniger als ein Prozent.“ Sehen können nur der Trainer an der Seitenlinie und der Torwart. Sie geben den Spieler:innen Anweisungen, wo der Ball ist oder wie sie sich bewegen soll. Zusätzlich hat der Ball auch eingebaute Rasseln.

„Es ist ein Sport, wo man sich als Mensch mit Sehbehinderung wirklich am Feld frei bewegen kann. Ohne einen Guide oder sonst was.“ Das macht Fußball im Blindensport einzigartig – und auch ziemlich ruppig. Nicht selten, dass Männer und Frauen an diesem Samstagnachmittag ineinander krachen. „Wenn da so ein 100 Kilo-Spieler auf dich zugelaufen kommt, dann bin ich schon eher schreckhaft“, sagt Klara Messner. Wenn sie im Angriff spielt, spürt sie schon mal die Wucht ihrer männlichen Gegenspieler. Seit einem Jahr ist die 26-jährige dabei. Sie hadert noch mit ihrer Technik. An Enthusiasmus fehlt es der Studentin trotzdem nicht.
Pioniere statt Profis
Seinen Ursprung hat Blindenfußball im Land des jogo bonito, Brasilien. Seit den 1960er-Jahren wird dort gekickt, mittlerweile auch auf Profiniveau. Seit 20 Jahren ist der Sport auch Teil der Paralympics. „Aber die sind für uns noch ein bisschen zu weit weg“, sagt Asmin, der Goalgetter des Mixed Teams und gleichzeitig Trainer des Frauenteams.

Seit 2016 gibt es das Wiener Team, das lange Zeit auch das einzige in ganz Österreich war. 15 Spielerinnen und Spieler sind dabei. Betreut werden sie vom brasilianisch-österreichischen Trainer Gabriel Mayr. Trainiert wird mittlerweile zweimal pro Woche. Warum wurde der Verein so spät gegründet? Schließlich gibt es den Sport schon mehrere Jahrzehnte. Es sei nicht einfach Mitspieler:innen für das Team zu gewinnen, meint Kapitänin Bettina Sulyok: „Man muss schon ein gewisses Naturell haben. Nicht jeder läuft gern im Vollkaracho und völlig blind.“
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Für eine österreichische Liga fehlen Geld und weitere Mannschaften – nur in Graz gibt es mittlerweile noch ein Team. Der sportliche Ehrgeiz lässt sich aber nicht mit Trainingsspielen allein stillen. Eine kreative Lösung musste also her. Und so kicken die Wiener seit 2020 als Mixed Team in der deutschen Bundesliga des Blindenfußballs. Dafür musste der Deutsche Fußballbund sogar seine Statuten ändern. Aber Kreativität wird belohnt – mit Gegnern, die man aus dem deutschen Profifußball kennt: „FC St. Pauli, Borussia Dortmund, Schalke 04. Das sind schon keine Nudeltruppen“, sagt Sulyok.

An sechs Wochenenden treten die Teams in verschiedenen deutschen Städten gegeneinander an. Das ist für die Wiener nicht nur ein sportliches Kräftemessen, sondern auch ein organisatorischer Kraftakt: „Dass die anderen Mannschaften an die Profivereine angehängt sind, macht natürlich einen gravierenden finanziellen Unterschied.“ Vergangene Saison erreichten die Wiener den siebten Platz. In diesem Jahr will man weiter vorne landen. Ehrgeiz verpflichtet.
Mehr Geld in die schmale Kassa
Genau 5.200 Euro erhält das Wiener Team an Förderungen vom Versehrtensportklub (VSC). Platzmiete, Dressen und Trainer müssen damit bezahlt werden. Wobei, fügt Sulyok hinzu, der Trainer erhält nur „eine Aufwandsentschädigung. Das kann man nicht Bezahlung nennen.“ Mit dem Förderverein blindenfussball.at soll noch etwas mehr Geld in die in die schmale Kassa gespült werden.

Einen großen Teil der Ausgaben macht die Teilnahme an der deutschen Bundesliga aus. Gespart wird dann eben bei der Unterkunft: „Also manchmal läuft halt auch eine Kakerlake durch das Zimmer. Aber es hat schon auch Leute gegeben, die deshalb wieder gegangen sind.“ Gefährdet war der Spielbetrieb trotz geringem Budget aber nie. Man hält es so wie andere Sportvereine mit wenig Geld: „Es wird halt ganz viel auch ehrenamtlich gemacht.“
Schrauben für die deutsche Bundesliga
Der Schneefall ist mittlerweile stärker geworden. Und das Thermometer rutscht gnadenlos unter null Grad. Das Sportareal würde jetzt auch als Langlaufloipe durchgehen. Nach knapp zwei Stunden ist das erste Training des Jahres vorbei. Torjäger Asmin gibt sich selbstkritisch: „Wir müssen noch an vielen Schrauben drehen. Passgenauigkeit muss besser werden. Ballannahme muss besser werden.“ Bettina fügt lachend hinzu: „Wir plädieren für die Rasenheizung in der Hopsagasse.“ Aber da wird das Team wohl noch eher deutscher Meister.

Sebastian Haller
Sebastian Haller war unter anderem für den "Standard" und den ORF tätig. Ausgezeichnet wurde er mit dem Österreichischen Jugendpreis. Davor hat er mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Medienforschung gearbeitet.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.







