Die Rauchfangkehrermeisterin Sophie Szönyi, 26, kehrt Kamine in der Leopoldstadt und merkt täglich auf der Straße, wie beliebt ihr Berufsstand ist.

Mir vergeht die Zeit viel zu schnell. Jetzt bin ich 26 und schon im achten Jahr in meinem Kehrgebiet im 2. Bezirk unterwegs. Ich habe die Meisterprüfung abgelegt, bin inzwischen also schon Rauchfangkehrermeisterin. Das bringt natürlich eine gewisse Autorität und Verantwortung mit sich.
Die Arbeiter müssen zuhören
Heute vormittag war ich auf einer Baustelle, um einen Rauchfang zu kontrollieren. Da standen sechs Handwerker und Arbeiter um mich herum. Die mussten mir zuhören, weil ich in meiner Zuständigkeit in dieser Situation eben die Autorität bin. Dazu kommt aber auch, dass ich inzwischen wirklich sehr viel gelernt habe, sehr viel weiß.
Ich bin im 10. Bezirk aufgewachsen und habe dort maturiert. Als klar war, dass ich nicht studieren wollte, hat meine Mama gesagt: Handwerk hat goldenen Boden. Da bin ich auch familiär geprägt: Meine Tante war Rauchfangkehrermeisterin. Also habe ich mich für diesen Beruf entschieden.
Immer auf dem Dach
Schon am ersten Tag meiner Lehre stand ich auf einem Dach. Ich war beeindruckt. Auch weil alles so logisch ist bei dieser Arbeit. In der Schule lernst du viele unlogische Sachen. Und dann schaust Du Dir das Werkzeug eines Rauchfangkehrers an und siehst sofort: jede Einkerbung, jede Öse hat eine Aufgabe und alles macht Sinn.
Die Querschnittskugel, die wir beim Rauchfang-Befund die Abgasanlage hinunterlassen, hat den Durchmesser, den ein ordnungsgemäßer Rauchfang haben muss. Mit der Stoßbürste kehren wir von unten nach oben, also vom Kehrtürchen bis zur Mündung. Mit der Gewichtskugel und dem Sterngeflecht, dem Ableingerät dann umgekehrt von oben nach unten, also bis zur Fangsohle.

Wenn du vorher in der Schule mit unverständlichen Gleichungen gekämpft hast, dann beeindruckt diese Logik des Handwerks vom ersten Moment an. Du machst eine Rauchdichtprobe, zündest also unten bei der Fangsohle eine Rauchpatrone an, und der Kollege oder die Kollegin schaut oben bei der Mündung der Abgasanlage oder beim Kehrtürchen, ob es Undichtheiten gibt.
Klettern im Rauchfang
Perfekt. Genauso logisch funktioniert unsere schwarze Arbeitskleidung. Die Jacke, Koller genannt, ist an den Ellbogen und am Rücken mit Leder besetzt. Warum? Weil wir in größeren, sogenannten schliefbaren Rauchfängen nach oben steigen müssen, indem wir den Oberkörper, die Ellbogen und die Beine im Rauchfang verspreizen. Zum Glück kommt das in meinem Kehrgebiet heute nur noch sehr selten vor.
Meine Tage sind abwechslungsreich, kein Tag ist wie der andere. Die einzige Konstante: Ich stehe um fünf Uhr auf, beginne um sechs Uhr mit der Arbeit und bin um Halb drei am Nachmittag fertig. Da habe ich mein Werkzeug, das ich für die Arbeit am nächsten Tag brauche, schon hergerichtet. Was ich in der Früh aus der Werkstatt mitnehme, hängt davon ab, was ansteht: die Hauptkehrung, eine Überprüfung, eine Baubesprechung, Messtermine, Vorbefunde, Endbefunde.
Eine Besonderheit unseres Berufs ist die Tatsache, dass wir fast überall Zugang haben. In den meisten Häusern haben wir bis zu vier Termine im Jahr, einer davon wird als Hauptkehrung gekennzeichnet. Da ist es natürlich wichtig, dass uns die Menschen in ihre Wohnungen lassen. Indem wir ihre Feuerstätten und Abzugsanlagen kontrollieren, tragen wir wesentlich zur Sicherheit des Hauses bei.
Mehrmals Glück gebracht
Dass wir beliebt sind, merke ich aber auch auf der Straße. Vor allem ältere Leute wollen uns berühren, wollen einen Knopf angreifen, weil ihnen das Glück bringt. Dass das wirklich funktioniert, wird uns auch immer wieder mal bestätigt.
Eine Frau hat sich schon zweimal bei mir bedankt: Als ich ihr zum ersten Mal Glück gewünscht habe, hatte sie eine medizinische Untersuchung vor sich. Da ist alles gut gegangen. Später hat sie einen schlimmen Autounfall überlebt, hat sich erinnert, dass ich ihr einmal Glück gewünscht hatte, und hat sich wieder sehr herzlich bei mir bedankt. So etwas berührt mich.
Jüngere Menschen finden meine Berufswahl cool. Abgesehen von meinen Rauchfangkehrerfreunden macht im näheren Umfeld niemand etwas Praktisches, da gibt‘s keine Handwerker. Die Leute haben studiert, sind Anwältinnen, Schauspieler, Zahnärztinnen. Alle sind akademisch gebildet. Ganz geht dieser Trend aber auch an mir nicht vorbei. Ich will den Dingen auf den Grund gehen, will mich auskennen, will mich weiterbilden, willmeinen Horizont erweitern. Ich habe schon die Unternehmerprüfung, die Meisterprüfung, die Ausbilderprüfung zusätzlich gemacht. Außerdem bin ich Brandschutzwart und Energieberaterin.
Schlüsselakteure in der Klimawende
Um nun auch noch akademisches Wissen und mein Handwerk zu vereinen, habe ich berufsbegleitend ein Studium der Energie-, Bau- sowie Immobilienbranche begonnen. Ich denke, dass diese Kombination für die Zukunft besonders viel Bedeutung hat. Rauchfangerkehrer*innen sind in der Klimawende wichtige Schlüsselakteure. Niemand kennt sich so gut in den Objekten aus, wie wir. Wir schauen ja nicht nur in die Wohnungen und in den Rauchfang. Wir sehen die Keller, die Dachböden, die Gänge, eigentlich alles in einem Haus.
Ich bin also gut beschäftigt, muss mir die Zeit entsprechend einteilen. Seit sieben Jahren lebe ich nicht mehr im zehnten, sondern im zweiten Bezirk, in der Nähe des Augartens. Abgesehen davon, dass ich da nie wieder weg will, hat das praktisch auch den Vorteil der kurzen Wege. Ich kann mich nach der Arbeit um drei Uhr schnell für eine Stunde hinlegen und hab anschließend noch Zeit und Energie für Sport und Freund*innen.
Fachkräfte werden gesucht
Nebenher betreue ich den Instagram-Account der Wiener Rauchfangkehrer. Meistens geht’s bei unseren Postings um einen Blick hinter den Vorhang: Wie arbeiten wir, welches Werkzeug verwenden wir, warum ist unsere Arbeit so wichtig für die Sicherheit der Wiener*innen.
Mit meinem Beispiel möchte ich gerne jüngere Menschen motivieren, vor allem Frauen. Habt Mut und lasst Euch im Handwerk ausbilden! Wir haben als Gesellschaft so viele Ziele was die Klimakrise und die Energiewende betrifft. Aber es gibt viel zu wenige, die da sinnvoll anpacken können. Wir brauchen Fachkräfte. Und ich sage: Handwerk ist toll. Ich würde mich immer und immer wieder für diesen Weg entscheiden.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)
Link:
https://wienerjungrauchfangkehrer.at
Ernst Schmiederer ist Journalist, Verleger (edition IMPORT/EXPORT), Autor und Archivar („Geschichten der Gegenwart“). Er hat für profil und Die Zeit gearbeitet, war Lektor an der Sigmund Freud Uni und wurde von der Stadt Wien mit dem Preis für Volksbildung geehrt. Er lebt in der Leopoldstadt und im Weinviertel.
Kontakt: ernst@zwischenbruecken.at
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.








