In einer alten Busgarage zeigten Studierende des Instituts für Städtebau an der TU Wien ungewöhnliche und mutige Konzepte für das neue Stadtviertel der Brigittenau.
Text: Bernhard Odehnal, Fotos: Christopher Mavrič

Ein rosa Band zieht sich quer durch die Bezirke 2 und 20. Von West nach Ost, vom Donaukanal beim Siemens-Nixdorf-Steg, den Augarten entlang, quer durch das Nordwestbahnhof-Gelände bis zur Donau bei der Brigittenauer Brücke. Entlang dieses Bandes liegen Restaurants, Cafés, Werkstätten, Seniorenzentren und ein großer begrünter Platz mitten im neuen Nordwestbahnviertel.
Vom Kanal bis zum Fluss
Die in rosa gezeichnete Achse durch die beiden Bezirke gibt es nicht. Zumindest heute noch nicht. Sie ist die Idee von Studentinnen des Instituts für Städtebau an der TU Wien, die das zukünftige Nordwestbahnviertel mit den bestehenden Grätzeln in der Leopoldstadt und der Brigittenau verbinden wollen. Und zwar durch einen Pfad mit kulturellen und gastronomischen Schwerpunkten. Vom Donaukanal bis zur Donau.

Die neue Achse durch die Bezirke war eines von acht Projekten, die in den vergangenen vier Monaten im Rahmen der Vorlesung „Entwerfen Nordwestbahnhof – Performative Programmierung“ entstanden sind. Mit Unterstützung der Forschungsplattform „Tracing Spaces“ wurden alle Entwürfe und Modelle Ende Jänner in der ehemaligen Busgarage der ÖBB auf dem Nordwestbahngelände ausgestellt.
Stadtplanung mit Haltung
Die Studierenden mussten sich zuerst mit dem Gelände vertraut machen und Menschen interviewen, die in der Umgebung wohnen und arbeiten. Auf Basis dieser Gespräche und Beobachtungen entstanden dann ihre Entwürfe. „Es ging nicht darum, nur zu beobachten“, sagt Architekt Benni Eder, der gemeinsam mit Institutsvorständin Ute Schneider das Projekt betreute: „Die Studierenden sollten konkrete Vorschläge machen und in der Stadtplanung Haltung zeigen“,
Mit den Ergebnissen, die in kleinen Teams arbeitet wurden, ist Eder durchaus zufrieden: Die jungen Stadtplanerinnen und Stadtplaner hätten sich sehr ernsthaft mit der bestehenden Struktur und den existierenden Plänen für das Nordwestbahnviertel auseinandergesetzt: „Aber sie hatten auch den Mut, ganz neue Konzepte zu entwickeln und Stadtentwicklung neu zu denken“, sagt Eder.
Neue Projekte auf alten Schienen
So zeigt ein Projekt neue Wege für den Warenumschlag im Nordwestbahnviertel. Um LKW-Fahrten zu reduzieren, schlagen die Studierenden vor, die derzeit noch bestehenden Gleise der Nordwestbahn zu belassen. So könnten Lebensmittel vom Großgrünmarkt Inzersdorf mit dem Zug zu einem Verteilerzentrum direkt in den neuen Stadtteil gebracht werden. Auch das derzeit noch bestehende Straßenbahngleis zu einer alten Schotterrutsche könnte für den Transport von Waren oder den Abtransport von Müll genutzt werden.

In dem von einem Schweizer Architekturbüro entworfenen Masterplan für das neue Nordwestbahnviertel ist das freilich nicht vorgesehen. Laut diesem Plan soll die alte Infrastruktur komplett entfernt werden. Lediglich zwei alte Lagerhallen bleiben erhalten. Allerdings ist dieser Masterplan auch schon fast 20 Jahre alt.
In ihren neuen Projekten versuchen die Studierenden hingegen, soviel Infrastruktur wie möglich zu erhalten und in ihre Konzepte miteinzubeziehen. Sie wollen alte Gleise liegenlassen, alte Schwellen in neue Fußwege integrieren und auch sonst möglichst viel alter Bausubstanz eine neue Funktion geben.
Die Bagger entfernen Geschichte
Das Paradoxe dabei: Drinnen, in der alten Busgarage denken die zukünftigen Stadtplanerinnen und Stadtplaner über nachhaltige Projekte nach, welche auch der bedeutenden Geschichte des Ortes viel Raum geben würde. Zur selben Zeit räumen hundert Meter weiter gerade schwere Baufahrzeuge alle Gebäude weg und zerstören damit auch deren Geschichte. Zurück bleibt eine sauber planierte Fläche, auf der in den kommenden Jahren Wohnhäuser und Schulen hochgezogen werden. Historische Bezugspunkte wird es dann kaum noch geben. Selbst der Name „Nordwestbahn“ soll verschwinden. Und die Bagger fressen sich immer weiter ins Bahngelände hinein.

Die Zeit drängt also. Gibt es überhaupt noch eine Chance, dass die Ideen der Studentinnen und Studenten für den Nordwestbahnhof umgesetzt werden? Vermutlich nicht zur Gänze, antwortet Projektbetreuer Benni Eder: „Aber sie könnten bestehende Pläne beeinflussen und sie abändern.“
Sowohl Vertreter des Bezirks Brigittenau als auch der Planungsabteilung im Rathaus kamen in die alte Busgarage. Sie ließen sich von den Studierenden deren Projekte erklären – und zeigten sich durchaus beeindruckt. Die Entwürfe sollen demnächst in der Bezirksvorstehung am Brigittaplatz ausgestellt werden.
Jetzt zum Newsletter anmelden

Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.
Christopher Mavrič arbeitet als Fotograf für den „Falter“ und viele andere Medien. Sein Fotoband „Zwischen Brücken“ mit Porträts und Ansichten der Brigittenau erschien 2020 in der FOTOHOF-Edition. Er ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Fotoakademie Graz.







